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A true Story… by @Freric1973

Ich möchte Euch eine wahre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die Höhen und Tiefen hat. Einen Anfang und (noch) kein Ende.

Es begann, nachdem ich in Südniedersachsen meine Zelte aufschlug und ich mich in einem guten Restaurant als Servicekraft verdingte. Dort hatte ich ein kleines Zimmer angemietet und war dort als Kellner, Gärtner, Holzhacker, Hausmeister und was weiß ich noch alles, angestellt. An meinen freien Tagen ging ich meistens in die Stadt, um dort Leute zu treffen und meine Stammkneipe zu besuchen. Ich hatte mein Alkoholproblem schon, allerdings noch nicht so ausgeprägt wie zum Schluss. Dort traf ich einige nette Leute und natürlich auch sehr unangenehme Zeitgenossen. Da ich ein sehr ruhiger Mensch bin und war, verstand ich mich mit den meisten gut, die anderen mied ich oder wurde gemieden. In einer solchen Urkneipe sind Menschen aus den verschiedensten Berufsfeldern zu finden. Pfleger, Maurer, Kellner, Arbeitssuchende, Gärtner, Ärzte, Elektriker, Fliesenleger, Anwälte und so weiter. Man kennt sich, man trinkt etwas zusammen und manchmal kommt ein Geschäft dabei heraus. Eine Dame kam vielleicht ein oder zweimal in der Woche um Hallo zu sagen und die Sparfächer der Stammkunden zu leeren und zu prüfen. Sie hätte vom Alter her meine Mutter sein können. Sie stellte sich mit “Ich bin das Irmchen.” vor und dieser Name war fortan in meinem Stammhirn eingemeißelt. Wir verstanden uns prächtig und freuten uns immer, wenn wir uns sahen. Natürlich kamen wir ins Gespräch und sie erzählte einiges aus ihrem Leben. Sie lebte mit jemandem zusammen, war Krankenschwester im örtlichen Krankenhaus und hatte einen Sohn aus einer anderen  Ehe. Dieser Sohn war schon groß und war schon lange ausgezogen. Auch ich erzählte aus meinem Leben, von meinen Seefahrten, meinen Studienzeiten, von meiner Familie. Ich war solo, aber nicht wirklich auf der Suche. Eines Tages kam sie wieder in die Kneipe, schlug die Glocke an der Theke, gab eine Runde und fragte, wer ihr bei ihrem Umzug von ihrem Lebensgefährten weg, in ein schöne eigene Wohnung helfen könnte. Es meldeten sich spontan 10 Leute. Das war toll anzusehen, jeder konnte etwas. Malern, Elektrik, tapezieren oder einfach nur Möbel schleppen. Auch ich meldete mich. Und so halfen wir alle Mann 2 Tage und Irmchen hatte eine hübsche Wohnung. Alleine. Zum Luft holen. Irmchen und ich sind im Laufe der Zeit richtig gute Kumpel geworden.
Nach einigen Jahren wurde es Zeit für mich die Stelle zu wechseln und ich blieb in derselben Stadt in einem anderen Betrieb. Ich suchte mir eine Wohnung, ging arbeiten und hatte durch diese neue Arbeit ein etwas geregelteres Leben was die Überstunden anging. Pech hatte ich mit dem Vermieter, der öfter in meiner Wohnung war als ich – in meiner Abwesenheit. Fristlos kündigte ich die Wohnung, drohte mit Anzeige und verließ diese. Nur wohin? So schnell ging es ja meistens nicht, wenn eine neue Wohnung gesucht wurde.  Ich war ziemlich ratlos und erzählte Irmchen davon.  Sie lud mich ein auf ihrer Couch zu schlafen, bis ich eine neue Bleibe fand. Dankend nahm ich an. Und es dauerte und dauerte. Wir verstanden uns prima, wir redeten viel über uns und die Welt, manchmal flossen Tränen. Wir trösteten uns gegenseitig. Halfen uns gegenseitig. Feierten und lachte zusammen. Irgendwann meinte sie, ich könnte eigentlich in das kleine Gästezimmer einziehen, welches sie dann auch gleich mit anmietete. Ich bezahlte einen minimalen Obolus und beteiligte mich an den Kosten für das Essen. Es war und ist auch noch heute eine wunderbare Freundschaft, ja mehr wie eine Freundschaft geworden. Mein Alkoholkonsum stieg trotzdem stetig, ein Vertragsangebot auf einem Schiff zu arbeiten konnte ich nicht annehmen, da mein Tremor in den Händen zu stark war. Ich war nicht diensttauglich. Irmchen machte mir deswegen nie Vorwürfe oder hielt mir Predigten. Natürlich stritten wir auch mal, aber das war nie von langer Dauer. Aus den paar Tagen, an denen ich bei ihr wohnte, wurden Wochen, Monate und Jahre. Wir wuchsen aneinander und für mich, wie für sie war es eine Mischung zwischen Freundschaft und Mutter/Sohn Beziehung. Ich hielt mich derweil finanziell mit Gelegenheitsjobs über Wasser und dies funktionierte ganz gut, bis ich sturzbetrunken mit dem Fahrrad stürzte und ich ins Krankenhaus musste, wo ich mich nach einer chirurgischen OP einer Entgiftung unterzog. Es standen nicht viele Menschen an meiner Seite. Irmchen schon. Sie hielt mir den Rücken frei, regelte vieles in meiner Abwesenheit für mich, sie war da und half mir, wo sie konnte. Als zitterndes Häufchen Elend, das ich war, konnte ich ohnehin nicht klar denken. Entzug ist kein Kinderspiel und nicht mal eben so zwischen Suppe und Kartoffeln erledigt. Auch in meiner Zeit in der mehrmonatigen Entwöhnungstherapie war sie für mich da, unterstütze mich, half, wo sie konnte. Ihr Sohn kam häufiger zu Besuch, es entstand eine Freundschaft zwischen ihm und mir. Wir hatten gemeinsame Interessen und somit immer Gesprächsstoff. Irmchen lernte einen neuen Mann kennen und heiratete ihn. Wir kannten uns schon von früher und er akzeptierte meine Anwesenheit im Haus und so lebten wir zu dritt einige Zeit zusammen. Ich musste zweieinhalb Jahre eine Umschulung machen, wohnte derweil in einem Internat und kam jede zweite Woche nach Hause. Vor der Umschulung lernte ich übrigens meine heutige Frau kennen. Auf einem Dorffest, auf dem ich half Kuchen an die Leute zu bringen, hatte sie mich auserkoren. Unsere Hochzeit feierten wir mit vielen Menschen, die uns wichtig waren. Auch mein Irmchen und ihr Mann. Und irgendwann bin ich zu meiner Frau aufs Dorf gezogen. Dieses Dorf ist nur einige Kilometer von Irmchen entfernt, wir sehen uns häufig, manchmal bringen wir unsere Tochter mit. Dann freut sich jemand ganz besonders.

Gestern hatte ihr Sohn einen dreifachen Herzinfarkt, liegt an der Dialyse und es sieht nicht gut aus. Es wird in diesen Minuten Zeit Abschied zu nehmen. Ich sitze in meinem Büro und kann nicht zugegen sein, fahre nach dem Dienst aber sofort zu ihr. Ich will für sie da sein. In diesen schweren Stunden. In denen keine Worte trösten können. Ich möchte nur da sein.

 

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“Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 3”

Den ganzen Tag über hatte ich ein ungutes Gefühl im Magen, mochte nichts essen, Angst schwirrte unaufhörlich in meinem Kopf herum. Angst, das eigene Kind zu verlieren. Vergangene Nacht hatte ich den Notarzt gerufen, da meine Kleine nur noch flach atmete und ihre Sättigungswerte sehr schlecht waren, begleitet von sehr hohem Fieber (siehe: “Vom Leben und Sterben eines Kindes, Teil 2”). “Ich weiß nicht, ob sie den Transport in das Krankenhaus überlebt”, hatte mir der Notarzt noch gesagt. Es hatte geklappt, nachdem das Ärzteteam vor dem Haus im Krankenwagen 15 Minuten lang brauchte, um sie soweit zu stabilisieren, dass die Fahrt starten konnte.

Ihr Vater war mit ihr im Krankenhaus; ich war zu Hause und versorgte den Kleinen, gerade war er erst vor zwei Wochen geboren. Er trank gut und mein Milchfluss noch nicht voll da, so konnte ich noch keine Vorräte an Muttermilch ansammeln. Somit brauchte er meine Anwesenheit, und ich konnte nicht bei ihr im Krankenhaus sein. Ich führte an diesem Tag Arztgespräche, erst mit dem diensthabenden Arzt, dann mit dem Oberarzt der Kinderintensivstation. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sie nicht wüssten, ob die Kleine überleben würde, da ihre Lungentätigkeit weiter abnahm und ihr Fieber nicht sank. Irgendwann sprach dann der Chefarzt mit mir, erklärte mir die Vorgänge von Herzaktivität und Lungenfunktion. Ich hatte fast drei Jahre immer wieder Aufenthalte auf Intensivstationen hinter mir, ich wusste, was diese Dynamik bedeutete.

Einmal klingelte eine Nachbarin. Was denn bei uns los sei, der Krankenwagen sei vergangene Nacht vor unserem Haus gestanden. Ich konnte das Gespräch schnell abwimmeln. Keine Kraft für das gerade. Es klingelte noch ein paar Mal an der Tür, ich machte jedoch nicht mehr auf. Es war mir zu viel, ich brauchte mein bisschen Kraft für mich.

Mein Kleiner gab mir Halt und Trost. Diesen kleinen, warmen Körper zu spüren, in seine Augen zu sehen… Immer mal wieder musste ich weinen. Einfach so, konnte mich nicht beherrschen. Tröstende, wissende Augen schauten mich dann aus diesem jungen Gesicht an. So klein, verstand er vermeintlich schon alles.

Immer wieder führte ich auch Telefonate mit ihrem Vater. Er war müde, verzweifelt, traurig, erschöpft, überfordert vom Entscheidungen fällen, vom Zusehen müssen, was alles an medizinischen Behandlungen an ihr gemacht wurden. “Die Ärzte holen ständig Blut, geben dies und jenes Medikament, fragen immer, was sie im Notfall tun sollen, wie weit sie reanimieren sollen. Unsere Kleine ist nicht mehr aufgewacht. Sie scheint zu schlafen. Ich weiß nicht, ob sie überlebt…” Ich habe ihn in diesem Moment bewundert, wie er all das schaffte, wie er die ganze Zeit an der Seite seiner Tochter stand, seit 24 Stunden durchgehend wach.

Der Anruf

Abends legte ich mich mit meinem Kleinen hin. Er hatte gerade getrunken, ich legte derweil das Handy in Reichweite, falls ein Anruf kommen sollte. Ich hatte es wohl geahnt, der Anruf kam nachts um halb eins. Ihr Vater war am Apparat, unter Tränen brach seine Stimme: “Komm schnell in´s Krankenhaus. Sie sagen, sie wird bald sterben…”

Es ist seltsam, ein solcher Moment. Was geht da in einem vor? Eine merkwürdige Ruhe erfüllte mich. Ich musste auch nicht weinen. Irgendwie agierte ich wie ferngesteuert und rief Verwandtschaft an. Ich pumpte noch schnell Milch ab, damit der Kleine etwas hatte, sollte er später aufwachen. “Beeile dich”, sagte meine Verwandte, “dass du dich noch verabschieden kannst von ihr.” Der Kleine schlief friedlich, als ich mitten in der Nacht das Haus verließ, mich in das Auto setzte und in das Krankenhaus fuhr. Mein Unterbauch schmerzte noch beim Fahren, der Kaiserschnitt lag erst zwei Wochen zurück. Eigenartige Gefühle waren meine Wegbegleiter. Als ich so fuhr, sah ich in Gedanken eine Kerzenflamme, die immer schwächer wurde. Ich spürte, dass sie bald sterben würde. “Schatz, bitte halte durch, Mama ist gleich da”, flüsterte ich ihr in Gedanken zu.

Ich erreichte das Krankenhaus und fand aufgrund der Uhrzeit sofort einen Parkplatz. Etwas hinkend lief ich zum Eingang, die Narbe schmerzte am Bauch beim Gehen. Die Gänge waren menschenleer. Ich erreichte die Intensivstation, ein buntes Schild mit spielenden, lachenden Kindern zeigte auf die Eingangsklingel. Ich klingelte, meldete mich namentlich an, die großen Schwingtüren öffneten sich automatisch. Sofort umgab mich der vertraute Geruch von Krankenstation und Medizin. Eine Schwester saß am Tresen. Ihr Blick sprach Bände. Mitleid… Eine andere Schwester kam auf mich zu, ich kannte sie bereits von früheren Aufenthalten. Sie begleitete mich zur Isolierstation, auf die alle Patienten mit hohem Fieber kamen. Bevor ich das Krankenzimmer betrat, atmete ich einmal tief durch…

Meine Kleine

Das Kinderbett nahm den Raum fast gesamt ein. Um das Bettchen herum standen zig Apparate, Maschinen blinkten und summten, ab und an ein Piepsen. Monitore erleuchteten das fahle Licht. Ihr Vater stand neben dem Bett, eine andere Schwester war an ihr zugange. Es war ein altvertrauter Anblick, der sich mir da bot. Ich kam näher zum Bettchen, begrüßte die Anwesenden. Ihr Vater hatte eine tiefe Traurigkeit im Blick, unendlicher Schmerz zeichnete sich darin ab. Die Krankenschwester versuchte locker zu sein, lächelte mich an. Ihre Augen straften ihre Fröhlichkeit. Mitleid sprach aus ihnen sowie die Gewissheit, was kommen würde. “Ich kann nicht mehr, ich bin seit 24 Stunden wach”, sagte mir ihr Vater. “Lege dich ein wenig hin, ich bin jetzt da.” Die Schwester neben mir kommentierte lachend: “Vorhin war er mal eingenickt, wir mussten ihn dreimal ansprechen, bis er aufwachte.” “Haben Sie schon einmal 24 Stunden durchgehend am Krankenbett ihres sterbenden Kindes gewacht?” fragte ich die Schwester. Ihr Lachen erstarb daraufhin, sie entschuldigte sich. Sie erklärte mir, dass sie der Kleinen gerade ungefähr 10 Medikamente zeitgleich gaben, bei einem zeigte sie starke Nebenwirkungen, das mussten sie absetzen, da ihre Hände blau anliefen. Ich sah hinab auf die Hände meiner Kleinen: Eine Hand war fast schwarz, die andere blau. “Wieviel musstest du erleiden mein Schatz”, dachte ich mir. Stattdessen fragte ich die Schwester: “Geht das wieder weg an ihren Händen?” “Ja, das geht wieder weg”, meinte sie daraufhin. Wir wussten in diesem Moment beide, dass das keine Rolle mehr spielte. Ich bat die Schwester, ob sie mich mit meiner Kleinen alleine lassen könnte. Sie bejahte und verließ daraufhin den Raum. Ich war mit ihr alleine. Ihr Vater lag ein wenig entfernt auf einer Pritsche, er war sofort eingeschlafen vor lauter Erschöpfung.

Gedankenversunken schaute ich auf meine Süße herab. Ihre Haut war nicht mehr grau, sondern erstaunlicherweise ganz rosig. Zig Kabel liefen zu und von ihrem kleinen Körper weg, ein Tubus steckte in einem ihrer Nasenlöcher. Sie atmetet bereits nicht mehr selbstständig, eine Maschine erledigte dies stattdessen. “Hätte ich nur keinen Notarzt mehr gerufen”, dachte ich mir, als ich sie so sah, mit ihren dunklen Händen, den blauen Flecken vom Blut abnehmen, all die Schläuche. Ich beugte mich zu ihr herunter, legte meine Wange an ihre Stirn. Die einzige Stelle in ihrem hübschen Gesicht, die noch frei lag. “Schatz, du musst jetzt kämpfen. Wir lieben dich so sehr. Dein kleiner Bruder wartet daheim auf dich.” Nach einer kurzen Pause sprach ich weiter: “Wenn es nicht mehr geht, wenn du nicht mehr kannst, dann ist es in Ordnung Schatz, dann darfst du gehen.”

Ihre schwarze Hand mit den blaurot unterlaufenen Fingernägeln lag in meiner Hand, ich lauschte dem mechanischen Brummen der Beatmungsmaschine, roch sie noch einmal, wobei ihr eigentlicher ureigener Geruch bereits verflogen war. Auf einmal zuckte ihr linkes Bein. Ich richtete mich auf. Ihr Brustkorb zog sich daraufhin unnatürlich stark nach innen ein, zuckte zweimal. Ich blickte auf den Monitor, der ihre Vitalwerte anzeigte. Der Wert des Pulses begann sich auf einmal in steten Schritten zu senken: 125, 118, 108, 102…

Das Sterben

Ich rief zu ihrem Vater: “Wach bitte schnell auf… Sie stirbt…” . Sofort war er hellwach und eilte an das Krankenbett. Ich sah auf sie hinab und meinte zu sehen, wie ihr Gesicht leblos wurde. “Deine Seele geht gerade”, dachte ich mir. 88, 82, 78… Der Monitor, der die Vitalfunktionen aufzeichnete, fing in diesem Moment an, gelben Alarm zu schlagen. 74, 68, 62… Der Alarm verschärfte sich um eine Stufe nach oben, roter Alarm. 58, 52, 48… “Komm gut im Himmel an”, sagte ich zu ihr… Ihr Vater nahm meine Hand, wir sahen uns in die Augen, teilten den Schmerz des Moments…

Zwei Schwestern und eine Ärztin betraten auf einmal hastig den Raum. Die Ärztin sagte: “Es tut mir leid, ihr Kind stirbt gerade. Wollen sie es in den Arm nehmen?” Auf einmal kamen mir die Tränen, ich nickte. Eine Schwester schaltete den Monitor ab, der Wert des Pulses stand mittlerweile bei null. Als sie damals zwei Wochen alt war, hatte ich das schon einmal erlebt, diese Monitoranzeige bei null. Da hatte sie einen Herzinfarkt gehabt, konnte jedoch reanimiert werden und fing sich wieder…

Eilig entfernte die andere Schwester alle Schläuche und legte mir die Kleine in meine Arme. Ihr Vater wollte mir den Vortritt lassen. “Es tut mir so leid. Sie war ein so liebes Kind”, meinte noch die Ärztin, der wir schon bei früheren Aufenthalten begegnet waren. “Notieren Sie Todeszeitpunkt 4.35 Uhr”, hörte ich sie noch ihren Kollegen zurufen.

“Gehen Sie jetzt bitte”, brachte ich noch hervor. So lag meine wunderschöne Kleine in meinen Armen. Vielmehr ihr Körper, denn ihre Seele war schon entflogen. Absurderweise hob und sank sich ihr Brustkorb noch immer, die Schwestern hatten vergessen, die Beatmungsmaschine abzustellen. Es störte mich, dieses Heben und Senken. Eine Schwester kam erneut, stellte daraufhin die Maschine ab und schnitt den Schlauch zum Intubieren durch, dessen Gewicht ihr Gesicht auf die rechte Seite zog. Ich blickte in ihr Antlitz, sah, wie ihre Hautfarbe immer weißer wurde, genauso wie ihr Zahnfleisch und ihre Zunge. Ihr Lippen verfärbten sich langsam bläulich. Nach und nach erkaltete sie. Ich wollte ihr so gerne von meiner Körperwärme abgeben…

Nach einer Weile gab ich sie ihrem Vater. Ich hatte sie ungefähr eine Stunde gehalten, ihre Arme waren mittlerweile steif geworden. Auf meinen Pullover war Flüssigkeit gelaufen, die aus ihrer Bauchsonde austrat. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, sie blickte bereits von oben auf uns herab. Irgendwann kam wieder eine Schwester und fragte, ob wir dabei sein möchten, wenn sie sie waschen und anziehen, um sie vorzubereiten für die Leichenschau. Ihr Vater blieb an ihrer Seite und half beim Waschen, während ich das Krankenzimmer verließ. Ich musste zurück nach Hause, die Verwandten hatten angerufen, der Kleine sei aufgewacht und hatte schon den Vorrat leergetrunken.

Das Danach

Ich lief den Flur entlang, vorbei an den Stationsräumen, sah die besorgten Eltern an den Bettchen ihrer Liebsten wachen. Vorbei an dem Empfangstresen, die Schwester zu mir: “Fahren Sie bitte vorsichtig.” Schlenderte durch den langen Flur, der hinweg von der Intensivstation führte bis hin zu einem offenen Bereich. Noch waren die Flure leer, bald würde der alltägliche Trubel einsetzen. Wie war ich diese Krankenhäuser leid. Und doch hatten wir sie gebraucht; ohne ärztliche Behandlung wäre die Kleine spätestens nach der Geburt verstorben, wäre sie überhaupt lebend auf die Welt gekommen. Ich verließ das Krankenhaus und holte vor dem Eingang ein paar Mal tief Luft. Diese schlechte und stickige Luft in den Krankenhäusern hatte ich immer gehasst. Am Auto angekommen, stieg ich ein und saß erst einmal nur da. Eine Kehrmaschine reinigte derweil den Gehsteig, gerade wurden der angrenzenden Apotheke Waren geliefert. Ein Taxi hielt und ließ eine ältere Person aussteigen. Der Verkehr auf den Straßen nahm an Fahrt auf, bald würde der Berufsverkehr richtig anrollen. Irgendwie fühlte sich all das surreal an. Gerade endete ein junges Leben, doch die Welt erlaubte sich einfach weiter zu machen, als sei nichts gewesen. Ich schrieb noch eine Nachricht an einen lieben Menschen, schrieb, dass meine Kleine gerade verstorben war. Komisch, diese Worte zu schreiben…

Dann startete ich den Motor, bog in die belebte Straße ein und machte mich auf den Heimweg. Komisch, ihren Körper dort in diesem Gebäude liegen zu wissen, nicht hier bei mir, auf dem Heimweg…

Irgendwie agierte ich wie ferngesteuert. An die Heimfahrt kann ich mich ansonsten nicht erinnern, der Körper fuhr wohl Automatismen ab. Daheim angekommen öffneten mir die Verwandten die Haustür. Sie nahmen mich in den Arm, ein kurzes Gespräch. Der Kleine sei wieder eingeschlafen. Ich bat daraufhin meine Verwandten, mich alleine zu lassen. Sie waren verständnisvoll und gingen. Zunächst lief ich die Treppe in den ersten Stock hinauf und schaute vorsichtig durch den Türspalt des Kinderzimmers. Der Kleine schlief tief und fest. Daraufhin ging ich in das Bad, zog mich aus, duschte. Als ich mich abtrocknete, erreichte mich die Nachricht des lieben Menschen, dem ich zuvor geschrieben hatte. Ich begann zu weinen, nahm die Wäsche vom Boden, zögerte jedoch einen Moment, bevor ich diese in die Waschmaschine tat. Ihre Körpersäfte waren darauf, irgendwie fühlte es sich so endgültig an, diese zu waschen, die Spuren von ihr zu löschen.

Dann ging ich in die Küche und setzte mich an den Küchentisch. Dort lag die Tageszeitung. Mir fiel auf, dass ihr Todestag eine Schnapszahl war. “Du musst etwas essen und trinken”, sagte ich zu mir selbst. Keinerlei Appetit begleitete mich, mein Mund war seltsam trocken. Doch ich war gezwungen zu essen, ansonsten würde mir die Milch wegbleiben, da ich voll stillte. Meinem Kleinen zuliebe aß ich ein paar Cornflakes, ein Brot hätte ich nicht schlucken können. Beinahe hätte ich mich daraufhin übergeben, doch ich konnte mich soweit konzentrieren und sammeln, dass ich den Impuls unterbinden konnte. Ich ging wieder nach oben, zu meinem Schlafzimmer und setzte mich auf das Bett. Vor mir stand ihr Kinderbett, mit ihrem Lieblingskuscheltier und ihrer Lieblingsdecke. Auf der linken Seite im Regal bewahrte ich ihre Pflegeartikel auf. Alles war griffbereit: die frische Kleidung, ihre Windeln, die Cremes. Der Hausmonitor, der zu Hause ihre Vitalwerte aufzeichnete, hing treu am Regal und wartete darauf, angestellt zu werden. Ich hatte das Gefühl, gleich kommt jemand mit ihr auf dem Arm in das Zimmer und gibt sie mir wieder, um dass ich mich um sie kümmern kann. Ansonsten war mein Kopf leer, ließ mich auf das Kinderbett starren.

Nach einer Weile ließ ich mich nach hinten fallen, zog meine Beine an und schloss die Augen. Kurz musste ich eingedöst sein, da hörte ich auch schon meinen Kleinen nach mir rufen. Sofort war ich wach und ging zu ihm in sein Kinderzimmer, nahm ihn auf meine Arme, setzte mich und legte ihn an meine Brust an. Er trank eifrig und kraftvoll, zufrieden seine wachen Augen. Während ich ihn stillte, liefen mir die Tränen über meine Wangen. Als er fertig war, setzte ich ihn vor mich auf meine Beine und bemerkte, dass er mich fragend ansah.

Ich sagte zu ihm: “Mein Schatz, Mama ist sehr traurig, aber nicht wegen dir. Du bist so ein liebes Kind. Vergangene Nacht, als du geschlafen hast, ist deine liebe Schwester von uns gegangen. Sie ist jetzt im Himmel. Schau, da oben…” und zeigte Richtung Zimmerdecke.

Foto: lizenzfrei pixabay

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Posted by Julia X in Allgemein, Gastbeitäge, 1 comment
Häusliche Gewalt gegen Männer? Wie bitte?

Häusliche Gewalt gegen Männer? Wie bitte?

Am 8. März ist Weltfrauentag, lieber Leser. Es wird ein Tag, an dem besonders für Frauenrechte gedacht, in Erinnerung gerufen und gefordert wird. Zu Recht, wie ich meine. An anderer Stelle werde ich dazu bestimmt näher eingehen. Ich schreibe diesen Artikel, Aufsatz oder Blogeintrag schon jetzt, damit ich nicht mit dem Weltfrauentag kollidiere und in eine bestimmte Schublade gesteckt werde, in welche ich mit Sicherheit nicht hineingehöre. Und gleich zu Anfang möchte ich eines klar darstellen:

Ich blogge auf meiner Seite zuweilen über Themen im BDSM-Bereich und lasse auch verschiedenen Gastautoren/innen  und ihren Gedanken freien Lauf. Ich denke wir stimmen alle überein, dass BDSM und häusliche Gewalt, in welcher Form auch immer, nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Denn was bei häuslicher Gewalt im Gegensatz zur Gewalt wie Spanking, Bondage, Whipping etc., etc. im BDSM fehlt ist der wichtigste Aspekt: Der Konsens. Das gegenseitige Einverständnis und der freie Wille auf beiden Seiten.

Hier soll es heute über häusliche Gewalt gegen Männer gehen. Bitte keinen Aufschrei á la: “Gewalt gegen Frauen gibt es doch auch!” oder so. Ja, die gibt es. Ist mir bekannt und es ist mindestens genauso schlimm als umgekehrt. Wie gesagt, ein anderes Mal.

I.

Es gibt nicht viele Quellen oder Berichte seitens behördlicher Stellen welche auch nur ansatzweise reelle  und aktuelle Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema liefern können. Doch in einem Artikel des Ärzteblattes geht hervor, dass mindestens 1 Millionen Männer in Deutschland jährlich der häuslichen Gewalt durch ihre Partnerin/Partner ausgesetzt sind. Da dürfte die Dunkelziffer noch dazu kommen. Ich möchte mich aber gar nicht in Zahlen ausdrücken. Fakt ist jedoch, dass es diese Form der Gewalt eben auch gibt und sie sich in grob in drei Bereiche aufteilen lässt. Fakt ist auch, dass betroffene Männer nicht gerne, und schon mal gar nicht im Freundes- und Bekanntenkreis oder gar in der weiteren Familie, darüber sprechen wollen oder können. Zu groß ist die Scham, die Peinlichkeit zugeben zu müssen, dass die Partnerin/Partner (bei homosexuellen Paaren, der Einfachheit halber bleibe ich ab jetzt bei Partnerin…Sie wissen was gemeint ist…) Gewalt gegen die eigene Person ausübt.

Wer glaubt, dass mit häuslicher Gewalt lediglich das Schlagen mit der Hand/Faust oder das Treten mit den Füßen gemeint ist, irrt leider. Denn die drei großen Bereiche der häuslichen Gewalt lassen sich wie folgt darstellen:

Die körperliche Gewalt:

Hierzu gehören u.a. und im Besonderen geschlagen, geohrfeigt, getreten, verhauen werden, Verletzungen wie z. B. Schnittwunden, Knochenbrüche, Quetschungen oder Verbrennungen erleiden, richtig eingesperrt werden, gefesselt oder anderweitig in Ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Die Palette ist beliebig erweiterbar, der Phantasie der Menschen ist leider auch hier keine Grenze gesetzt.

Natürlich kann man sich fragen, warum gestandene Männer sich so behandeln lassen…  Davon später mehr. (Stichwort: emotionale Abhängigkeit)

Die psychische Gewalt:

Hier wäre im Besonderen schikaniert, ignoriert, schwer beleidigt, eingeschüchtert oder gedemütigt werden, angeschrien, erpresst  oder zu etwas gezwungen werden, zu nennen.

Die sexuelle Gewalt:

Es wird interessant, denn selbst hier ist, genau für diesen Punkt, für viele Experten Schluss und ist schlussendlich leider auch nicht genau ausgeforscht. Kann ein Mann von einer Frau vergewaltigt werden? Ist ein Mann, wenn er physisch erregt ist auch immer gleichzeitig psychisch erregt? In den USA gab es Fälle, bei denen Frauen sich mit Waffengewalt Sex vom Ehemann/Freund/Verlobten erzwungen haben. Man darf davon ausgehen, das dies in aller Herren Länder ebenfalls vorkommt.  Ein Erektion ohne Lustempfinden zu bekommen ist wirklich kein Kunststück. Auch Angst spielt bei der Erektion eines Mannes durchaus eine bedeutendere Rolle als bisher angenommen. Insofern würde ich zur Eingangsfrage mit einem klaren JA votieren. Eine Erektion kann erzwungen werden, durch Waffengewalt können ungewollte sexuellen Handlungen erzwungen werden.

II.

Fragt man nach den Gründen, warum Partner Gewalt ausüben erfährt man häufig als Ursache, dass die Gründe in einer “verkorksten” Kinder und Jugendzeit oder aus schlechten Erfahrungen einer oder mehreren früheren Beziehungen zu suchen sind. Dies dürfte auch als die häufigste “Entschuldigung” zu werten sein, tut jedoch der Sache an sich keinen Abbruch, denn die Gewalt wird weiter ausgeübt. Die eigene Unzufriedenheit, ein sich steigerndes Sichselbstgefallens in der Rolle des dominanten Partes in negativem Sinne, wachsender Sadismus im krankhaftem Sinne spielen unter anderem eine große Rolle bei diesen Menschen.

III.

Wie gehen Männer mit häuslicher Gewalt für gewöhnlich um und warum lassen sie sich diese gefallen?

Oben angemerkt ist das Stichwort “emotionale Abhängigkeit”, ein immens wichtiger Aspekt. Man liebt den Partner, vielleicht ist es nur eine vorübergehende Phase, möglicherweise sind Kinder im Haushalt oder es besteht zudem noch eine finanzielle Abhängigkeit. Häufigerweise ist es tatsächlich so, dass Männer dem gewaltausübendem Partner aus dieser Krise heraus helfen möchte. Oder eben alles, aber auch alles, versucht um dem Partner zu gefallen und wieder Harmonie herzustellen. Denn möglicherweise liebt man diese Person, mit all ihren Macken. Und strudelt in die Abhängigkeit hinein und muss irgendwann scheitern.

Beleuchtet man einen weiteren Aspekt, dem gesellschaftlichen nämlich, kann man zu dem Schluss kommen, dass das gesellschaftliche Bild des Mannes als Ernährer, Beschützer, den liebenden Ehemann und Vater immer noch vorherrscht. In vielen Beziehungen klappt das hervorragend. Und daran ist auch nichts verkehrt. Solange dieses Bild einer harmonisierenden Beziehung aufrecht erhalten bleiben kann. Wie es hinter den Kulissen aussieht sehen Außenstehende meist nicht. Denn oftmals kracht es dort gewaltig. Sehr wenige Männer, die der Gewalt des Partners ausgesetzt sind, möchten, dass es das soziale Umfeld erfährt. Man möchte vermeiden als schwach und wehrlos (als Mann!!!) dargestellt zu werden. So etwas ist im Weltbild der nach Macht, Anerkennung und Geltung strebenden Gesellschaft einfach nicht vorgesehen. Nach wie vor nicht. Lieber Leser, warum gibt es einen Weltfrauentag? Weil die Gesellschaft es bis heute vielerorts nicht auf die Kette bekommen hat die Damen der Schöpfung aus dem Förmchen des braven Eheweibs, welches dem Herrn die Pantoffeln reicht, kocht und den Haushalt besorgt, die Kinder erzieht, sich um Hund und Garten kümmert und eventuell noch ehrenamtlich arbeitet, herauszubekommen. Wie schwerfällig die Gesellschaft sein kann zeigt, dass Frauen erst seit dem 12. November 1918 in Deutschland wählen durften. Vor 1958 durften Frauen den Führerschein erst machen, nachdem der Ehemann dieses erlaubt hatte. Es gibt so viele Beispiele in denen Männer wie Frauen in Rollen gepresst werden, dass man der Individualität des Einzelnen keine Rolle mehr zuspricht. Da können noch so viele Gesetze zur Gleichberechtigung von Mann und Frau erlassen werden, wenn sie gesellschaftlich nicht anerkannt werden, sind sie zumeist ideologisch machtlos.

Und so werden Mann, wie Frau katalogisiert. Wenn jemand aus dieser Form ausbricht,  wird er/sie entweder gefeiert oder niedergemacht.

Im Fazit gibt es also mehrere Gründe warum Männer der häuslichen Gewalt eben nicht die Stirn bieten. (können)

-es ist schwer sich als Opfer zu sehen

-Männer schämen sich Opfer eines “vermeintlich” Schwächeren zu sein.

-das eigene Selbstbild soll nicht zerstört werden.

-Männer reden nicht gerne über Details von erlittenen Gewalttaten

-Männer haben Angst davor, dass man ihnen nicht glauben könnte und vielleicht als Täter hingestellt werden.

-Viele Männer wissen nicht wohin sie sich wenden können.

IV.

Fazit

Es gibt sie. Häusliche Gewalt. An Männern. An Frauen. An Kindern. Die Gründe sind so vielfältig wie so Vieles auf diesem Planeten. Nur wenn wir aktiv helfen und aufklären kann sich diese Gesellschaft wandeln.

Es war mir ein Anliegen aus besonderem Anlass.

V.

Anlaufstellen:

0800/1239900 Hilfetelefon für Männer

https://weisser-ring.de/praevention/tipps/gewalt-gegen-maenner

gib-dich-nicht-geschlagen.de

Schutzwohnung.de

Ich habe mich einiger Quellen bedient.

aerzteblatt pp 16 Ausg. März 2017
deutsche welle “Männer als Opfer”
Neon: “Was für eine Pussy! warum über sexuelle Gewalt an Männern kaum gesprochen wird”

Wenn es ein Thema ist, welches Euch interessiert hat, wenn es Euch angesprochen hat, wenn Ihr wen kennt, der wen kennt, der Opfer ist oder sein könnte… macht ihn auf diesen Artikel aufmerksam. Teilt ihn, wenn möglich auf Twitter, Facebook oder sonstwo.

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Posted by lovefeet1973 in Allgemein, 0 comments

Warum Menschen mit schlechter Erfahrung schlechte Berater sind.

Steile These. Ich weiß. Natürlich sollte klar sein, daß man das nicht verallgemeinern kann. Das extra zu betonen, finde ich ziemlich nervig, denn halbwegs intelligente Menschen sollten das Wissen. Aber nun erst einmal ein paar Worte zu diesem Beitrag. Die letzten beiden Beiträge und nun auch dieser hat unterscheidet sich von all den Beiträgen, die […]

Warum Menschen mit schlechter Erfahrung schlechte Berater sind.

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Posted by lovefeet1973 in Allgemein, 0 comments
Der Weg der Steine

Der Weg der Steine

Ich habe lange überlegt ob ich diesen Beitrag schreiben möchte oder nicht. Das Foto geht mir schon länger nicht aus dem Kopf. Und so… Na ja, hier sind meine Gedanken dazu.

Das Leben ist ein langer Weg. Meistens jedenfalls. Denn das Ziel ist, zeitlich gesehen, ungewiss. Niemand von uns  kann heute sagen wann und wie genau dieser Weg endet. Allenfalls erahnen. Von Kindesbeinen an laufen wir los und lernen das Leben. Und genau dann merken wir, wie viele Steine auf unserem Lebensweg liegen. Manche recht klein, über die können wir hinweglaufen oder sie einfach beiseite schieben. Bei manchen kleinen Brocken müssen wir schon Hand anlegen um den Weg wieder frei zu bekommen. Es ist manchmal mühsam. Und dann gibt es noch die großen Felsen, die wie festgewachsen in die Erde gerammt sind. Da kann man versuchen sie auszugraben. Man stößt unweigerlich auf noch mehr Steine. Je mehr wir buddeln, desto mehr Steine fallen zurück auf den Weg und wir beginnen von vorne, müssen vielleicht einige Schritte zurückgehen um dann endlich weiter zu kommen. Den Felsen kann man nicht so leicht versetzen, aber vielleicht einen Weg drumherum finden, um dann wieder auf den Weg zu stoßen, welcher uns angedacht ist. Das klingt zunächst gar nicht so schwierig, möchte man denken. Der Haken dabei ist, wenn wir unsere Steine aus unserem Weg räumen, laufen wir oft in Gefahr genau diese Steine auf den Weg anderer zu legen, womit zwar unser Weg frei ist, jedoch der von anderen jetzt möglicherweise nicht mehr. Dies Herausforderung ist manchmal gar nicht so einfach. Und manchmal gibt es unüberwindbare Hindernisse bei denen wir meinen, sie nicht bewältigen zu können… Und dann? Vielleicht können wir auf unseren Weg des Lebens  zurückschauen. Vielleicht ist da jemand, der uns helfen kann auch dieses Hindernis zu schaffen. Manchmal geht es gemeinsam doch besser als sich alleine durch zu quälen.

Jeder von uns hat Hürden zu bewältigen. Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Probleme in der Familie oder im Beruf, ja auch Corona und die daraus resultierenden Folgen können durchaus zu Hürden werden, Überforderung und etliche mehr. Egal welche Hürden jeder Einzelne hat, jede von ihnen hat für ihn eine eigene große Bedeutung, die ein anderer keinesfalls abwerten darf. Jede Hürde ist für jemanden sehr schwer, für einen anderen eben nicht. Wenn wir nach links und rechts schauen und jemanden an einem Problem zu verzweifeln drohen sehen und wir den Mut und die Kraft haben, was ist dabei diesem zu helfen? Das kann ein Gesprächsangebot sein, tatkräftige Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe, ein freundliches Wort, ein Lächeln, ein “in den Arm nehmen”, ein gemeinsames Weinen, ein Gefallen, ein Brief, eine Aussprache, eine Spende, ein Geschenk… es gibt so viele Möglichkeiten einander durch schwierige Zeiten zu begleiten. Die andere Seite, die gibt es ja auch, ist: Wenn jemand Hilfe braucht und keiner sieht dies, was dann? In unserer sehr schnell gewordenen Zeit, wo Abläufe so dermaßen optimiert und reglementiert sind, kommt es häufig vor, dass Menschen einfach abgehängt und übersehen werden. Dann ist es an der Zeit nach Hilfe zu fragen. Auch das kann für einige schon ein großes Problem darstellen, dessen bin ich mir bewusst. Ich habe jahrelang ehrenamtlich bei der Tafel gearbeitet und weiß wie schwierig es sein kann um für Nahrungsmittel anstehen zu müssen, einfach weil die Rente nicht reicht. Oder ALG2. Oder aus ganz anderen Gründen. Es ist wahrhaftig nicht einfach um Hilfe zu bitten, dies liegt in der Natur der Sache. Wer gibt schon gerne von sich zu Hilfe zu brauchen? Das bedeutet Gesicht zeigen zu müssen, sich schämen weil man Hilfe braucht, mit leeren Händen dastehen und zuzugeben wie verzweifelt man ist. Das bedeutet in heutigen Zeiten: Schwäche zeigen. Und Schwäche zeigen tut man nicht. Doch, lieber Leser, liebe Leserin, so funktioniert das System Mensch nicht. In unserer aller Individualität gibt es immer Leistungsträger und Menschen, die mitgetragen werden müssen. Warum? Weil wir Menschen sind. Weil wir ein Gewissen haben. Weil uns das vom Tier unterscheidet. Das System Mensch funktioniert nur zusammen. Gemeinsam kann man die Hürden eher meistern als alleine. Wenn wir alle versuchen, jeder für sich im Kleinen, wie im Großen, nach links und rechts zu schauen ob jemand auf der Strecke geblieben ist, ist schon viel getan. Jeder mit seinen Möglichkeiten. Und trotzdem sich nicht für andere gänzlich aufgeben oder ausnutzen lassen. Denn das ist mit Sicherheit nicht im Sinne von Hilfsbereitschaft gemeint.

Ein altes russisches Märchen beschreibt dies ganz zutreffend:

Ein Mann spricht zu Gott: “Herr, ich möchte die Hölle sehen und den Himmel.” Gott zeigte ihm in einem Traum die Hölle. Der Mann sah einen großen Raum, in dessen Mitte sich eine Feuerstelle befand. Über der Feuerstelle ein großer Topf mit köstlichem Essen. Rings um die Feuerstelle saßen dicht gedrängt Menschen, die abgemagert und krank aussahen. Alle schöpften mit langen Löffeln aus dem Topf. Doch sie konnten das köstliche Essen nicht zum Munde führen, denn die Löffel waren zu lang. In einem weiteren Traum zeigte Gott dem Mann den Himmel. Alles war wie im Raum zuvor.

Dichtgedrängt um das Feuer mit dem köstlichen Essen Menschen mit langen Löffeln. Alle schöpften mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Diese Menschen sahen gesund aus, gut genährt und glücklich. Der Mann benötigte in seinem Traum einen Moment, um den Unterschied zu erkennen:

Die Menschen im Himmel gaben sich gegenseitig zu essen, führten sich die langen Löffel einander in den Mund.

Indem sie gaben, empfingen sie!

In diesem Sinne, passt auf Euch auf!

Freric

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Adventszeit, Nikolaus, Weihnachtszeit…..

Adventszeit, Nikolaus, Weihnachtszeit…..

Da ist sie wieder, die dunkle Jahreszeit. Zusätzlich zur Coronazeit und die Beschränkungen, die daraus erfolgten – so man sich dran hält. Zusätzlich zu chronischen und episodischen Depressionen, an denen einige zu leiden haben. Zusätzlich zu der Einsamkeit, die so manchen eh schon zu schaffen macht. Zusätzlich zu den Sorgen, die viele Menschen dieses Jahr besonders plagen. Zusätzlich zum Jobverlust, den der Lockdown mit sich bringt. Zusätzlich zu den geliebten Menschen, die verstorben sind oder sich in dieser Sekunde verabschieden. Und noch bin ich gesund, habe meinen Job, meine kleine Familie, die zusammenhält. Das hält mich nicht davon ab, mich an Regel zu halten. Mundschutz tragen, Menschen meiden, keine unnötigen Ausflüge zu Menschenansammlungen und Abstand halten. Ach ja, und Hände regelmäßig waschen. So schwer ist das nicht. Es ist die Psyche, die zu schaffen macht. Der Eindruck, den man gewinnt wenn man gesagt bekommt: Soundso viele Leute die man treffen darf, keine Versammlungen usw. usw. Ja, es sind Einschränkungen. Jedoch sind diese auch nötig, meiner Meinung nach. Weil ich dem Tod schon einmal davongekommen bin. Ein zweites Mal lässt der sich nicht hinter´s Licht führen. Ich möchte meiner kleinen Tochter und meiner Frau noch etwas erhalten bleiben. Ich möchte auch nicht derjenige sein, der andere Menschen möglicherweise ins Grab bringt. Und so werde ich unsere Weihnachtszeit, Weihnachten und Silvester mit meiner eigenen Familie verbringen, so als Vater Mutter und Kind. Genauso wie viele Millionen Familien das auch tun werden. Wir werden mit unserer weiteren Familie telefonieren, chatten und Videotelefonie machen.

Telefoniert mit Euren Lieben, wenn Ihr Euch nicht sehen könnt. Es ist nicht so schön wie das persönliche Sehen. Aber eine Möglichkeit.

In diesem Sinne, bleibt gesund.

Freric

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Kinderheim, (k)ein Alptraum… Teil 2

Kinderheim, (k)ein Alptraum… Teil 2

Eine Gruppe Jungen zu hüten, die auch noch verschieden alt sind, von 9 bis 16 oder 17, ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Bei "normalen" Kindern schon eine Herausforderung. Bei uns waren Kinder, die dazu noch sozialgestört und teilweise traumatisiert waren, ihre eigenen Macken und Ticks hatten und jeder von ihnen mit einer Vorgeschichte, die jedem empathiebegabten Menschen das Herz zerreißen würde. Wer glaubt, Kinder in Kinderheimen stammen nur von Sozialhilfeempfängern (Hartz4) ab, irrt gewaltig. Wir hatten Kinder deren Eltern Rechtsanwälte, Trucker, Bergwerksarbeiter, Ärzte, ja sogar ein Psychologieprofessor war dabei, Sexworker, Straßenkehrer, Politiker usw. waren. Die kompletten Sozialschichten rauf und runter. Und trotzdem mussten wir uns zusammenreißen und nicht jedem der Neuen gleich erstmal die Fresse polieren, nur weil er neu war. Nein, in dieser Gruppe ging es eigentlich sehr human zu. Der Ton war rau, meistens jedoch ehrlich. Das sah in anderen Gruppen des Kinderheimes anders aus. Uns wurde als Mitglieder einer Außengruppe ohnehin unterstellt, dass wir meinten wir wären etwas Besonderes. Denn dort sein zu dürfen galt als Privileg. War es auch, aber wir durften das nie zugeben. Sonst gab es Dresche vom Feinsten wenn wir das Gelände des Heimes betraten. Der jüngste Bub, den wir hatten war 5 Jahre alt und wurde uns von seine Mutter vor die Tür gesetzt. Sie fuhr davon und der kleine Bub saß von Gott und der Welt verlassen auf unserer Eingangstreppe. Ich könnte heute noch heulen wenn ich daran denke. Er wuchs in unserer Gruppe auf und hatte es 1000 Mal besser als zu Hause. Wenn ihm auch seine Mama sehr fehlte und er sie lange Zeit nicht besuchen durfte. Wir konnten nicht ahnen, dass er sich 3 Tage, nachdem er mit 17 Jahren entlassen wurde, das Leben nahm. Ja, das Leben ist manchmal so richtig Scheiße. Trotzdem gab es eine Menge Jungs, die nach der Schule eine Lehre machten, Arbeit hatten, eine Familie gründeten und es besser machten als ihre vermeintlichen Vorbilder, ihre Eltern - sofern überhaupt vorhanden. 
Natürlich gab es auch viel Zeit der Freude und Lebenslust. Freizeitaktivitäten wie Zelten gehen, Lagerfeuer machen,  Reiten, Tennis, Fußball, Baseball, durch die Wälder streifen, rodeln.... es war so viel möglich, neben Schule, Hausaufgaben, Hausarbeiten uuuuuuuunnnnnd in die Kirche gehen müssen. Ich sage bewusst müssen, denn das Heim wurde von katholischen Nonnen geführt und da war es Pflicht 1 Mal die Woche in die Kirche zu gehen. Für mich kein Problem, sollte ich doch später eh im Kloster landen. Dies aber freiwillig. Damals gab es bei den Jungs, die die hl. Messe als reine Zeitverschwendung ansahen, den Spruch:

"Mit der Knarre vor der Fresse, geht ein jeder gern zur Messe..."

Wenn es wieder Eintopf gab, in Heimkreisen "Rumfort" (alles was RUMliegt muss FORT) beteten wir unser Tischgebet:

"Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und siehe was Du uns bescheret hast! Amen"

Das Essen war nahrhaft. Das war es aber auch schon. Später wurde eine Heimkommission, den Heimrat gegründet. Jede Gruppe wählte einen Gruppensprecher der die Gruppe im Rat vertrat. Der Rat wiederum wählte einen Heimratsprecher und wer diesen Posten inne hatte war heilig und Tabu. Dieser hatte mehr Einfluss auf die Jungs als der strengste Erzieher dort. Wenn der sagte: "Spring!" dann wurde höchstens noch gefragt: "Wie oft und wie hoch?" und dann ging es los. Meistens war er jedoch Streitschlichter, aber auch Richter. Somit teilweise effektiver als so manche Erziehungsansatz diverser Erzieherpraktikanten und Hospitanten, sowie andere Sozialpädagogen.... Nach der Gründung des Heimrates wurde allmählich übrigens auch das Essen wesentlich besser und hatte sogar Geschmack. 

Eines noch zum Schluss dieser Episode: Ein Erzieher, eine Erzieherin -und sei sie/er noch so nett und einfühlsam- wird niemals Papa oder Mama für ein Kind sein können oder dürfen. Doch dieses Thema ist für den nächsten Beitrag gedacht.

 

In diesem Sinne

 

Freric

 

Kommentare sind erwünscht. Ausdrücklich. Und Fragen sind immer willkommen.

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Kinderheim, (k)ein Alptraum…. Teil 1

Kinderheim, (k)ein Alptraum…. Teil 1

Kinderheim… Teil 1

Das hört sich erst einmal ziemlich brutal an. Wenn ich manchmal überlastete Eltern sagen höre:” Benimm Dich und sei ruhig, sonst stecke ich Dich ins Heim, möchtest Du das?” impliziert bei mir diese “Drohung” zumindest, dass man dem Kind schon ein paar Horrorstories erzählt hat und droht außerdem mit Liebesentzug – da die Eltern ja nicht ins Heim sollen, sondern der ungezogene Nachwuchs. Für ein Kind ist die Vorstellung alleine schon ziemlich erschreckend und brutal, ja einschüchternd. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Eltern diesen Schritt gehen würden, dabei sei gesagt, dass meine Mutter mit 4 Kindern, davon ein adoptiertes (ich) ziemlich überfordert war. Vielleicht erzähle ich an anderer Stelle wie es mir dort erging. Soviel sei gesagt: Es ging mir nicht gut dort. Mein Vater packte mich ins Auto und ab ging die Luzzie. Ich landete in einem Heim für “schwer erziehbare Knaben”. Ein von Nonnen geführtes, mit Zivilpersonal aufgefülltes Kinderheim unter der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Rheinland und der Caritas. Nun darf ich freudigerweise berichten, dass ich nicht auf dem riesengroßen Gelände des eigentlichen Heimes mit 14 Gruppen á 12 Jungen untergebracht wurde. Ich wurde einer Außenwohngruppe zugeteilt in welcher lediglich 6 Jungs untergebracht waren. Es war ein Haus in dessen Anbau die Besitzerin und gleichzeitig die Gruppenleiterin mit ihrem Sohn wohnte. Der Rest des Hauses war für uns. Ich bekam dort ein Einzelzimmer und ich erinnere mich heute (und nicht nur heute) daran, dass meine Zimmertür nicht von außen abgeschlossen wurde. Das war eine völlig neue Erfahrung für mich. Nicht eingesperrt zu werden. Ich ging in den ersten Nächten immer wieder an meine Zimmertür und drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür ein wenig, nur um sicherzugehen, dass die Tür wirklich, ganz wirklich, nicht abgeschlossen war. sie war es nie. Auf die Frage der Gruppenleiterin, welche mir in den ganzen Jahren eine gute Freundin wurde, warum ich das tue und ich ihr mein Herzchen ausschüttete, starrte sie mich ungläubig an, nahm mich in den Arm und musste sich zusammenreissen um nicht zu weinen. Ich weiß es noch wie heute. Einen Tag später hatte ich einen wöchentlichen Dauertermin beim Psychologen. “Na toll”, dachte ich mir und ging, wie mir geheißen wurde, brav dorthin. Der brachte mich nach den ersten Stunden in einen Raum mit lauter Spielsachen. Unter anderem hing da ein echter Boxsack. Er gab mir Handschuhe und übte ein wenig mit mir. Nach ein paar Minuten rief er Bilder in meinem Kopf hervor und meine Schläge auf den Boxsack wurden härter und härter. Ich schrie vor Wut und schlug weiter und weiter. Bis ich weinend auf den Boden sank. Ich konnte nicht mehr. Er tröstete mich und sagte zu mir: “Ich glaube Du hast schon ewig nicht mehr geweint. Du hast es Dir in deinem Kopf einfach verboten, weil es keine Reaktion darauf gab, oder? Denn wenn es keine Reaktion, kein Trösten gibt dann kann man sich das Weinen sowieso schenken und genau das hast Du getan. Aber ab jetzt kannst Du traurig oder fröhlich sein und das eben auch zeigen, denn das ist wichtig… Für jeden, egal wie alt er ist, verstehst Du?”  Ich habe noch Jahre gebraucht um dies zu verstehen und diese Worte begleiten mich auch heute noch.
In dieser Gruppe gab es eben noch 5 andere Jungs, keiner wie der andere, jeder hatte sein verdammtes Päckchen zu tragen, jeder von ihnen hatte seine eigene Vorstellung von einem zu Hause. Es gab keinen, der nicht gehofft hatte wieder nach Hause zu dürfen, weil seine Eltern ihn doch so liebten. Heute weiß ich, dass es nicht der Wunsch war nach Hause zu kommen. Es war der Wunsch nach Geborgenheit, Anerkennung und elterlicher Liebe. Denn genau das hatten wir alle  zu Hause nicht bekommen. Natürlich waren wir keine Engel, lieber Leser und liebe Leserin, wir waren alle das Produkt unseres jeweiligen sozialen Umfeldes. Bekommt man den Umgang mit Geld nicht beigebracht, den Wert von Dingen nicht erklärt dann kann es durchaus passieren, dass das Kind anfängt zu stehlen. Das Erschrecken der Eltern, die sich keiner Schuld bewusst sind, ist dann riesengroß. Das Kind, welches sich in seiner Freizeit selbst überlassen wird, kann durchaus auf die schiefe Bahn geraten und schon in frühen Jahren anfangen zu rauchen, zu saufen oder andere Fehler begehen, da es keinen hat, der es ihm anders gezeigt hätte. Solche Erziehungsfehler schleichen sich ein und sind nur sehr schwer zu korrigieren. Na ja, ich will hier keine Erziehungsratgeber schreiben, es ist lediglich ein Beispiel unter vielen, welches aufzeigt wie man in einem Heim landen kann. Denn in einem Heim landet nur das schwächste Glied in der sozialen Kette und das sind nicht die Eltern oder Großeltern.

Bis hier erst einmal.

Gerne dürft Ihr kommentieren oder Fragen stellen, ich würde mich freuen.

Freric

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Der gute Tag…

Der gute Gedanke am Tag 

Wer kennt sie nicht, diese Tage an denen auch gar nichts rund läuft? Diese Tage an denen man so viel zu tun hat. Diese Tage an denen man kein Sonnenlicht sieht. Ich meine diese Tage an denen man am liebsten im Bett bleiben möchte. Diese Tage an denen einem alles auf die Nerven geht. Wenn sich Probleme und Aufgaben so angehäuft haben, dass man keinen Bock mehr hat. Sei es die nervende Wartezeit vor dem Arbeitsamt oder die nächste Prüfung die vor einem steht. Die nächste Therapiesitzung, der Partner der in letzter Zeit immer wieder schlechte Laune hat. Es gibt so viele Beispiele wie man sich den Tag schon vor dem Aufstehen versauen kann.

Man kann die schlechten Sachen im Leben nicht weg träumen aber man könnte doch ein Gleichgewicht schaffen indem man sich die schönen Sachen im Leben ins Gedächtnis zurückruft. Ich für meinen Teil setze mich dann mit einer großen Tasse Kaffee ins Wohnzimmer oder auf dem Balkon und denke darüber nach und erinnere mich an einen schönen Moment am gestrigen Tag oder in der letzten Woche. Ich denke darüber nach warum dieser schönen Moment mich zum Lächeln gebracht hat und ob es noch mehr Momente gegeben hat die mich fröhlich gestimmt haben. Ich nehme mir Zeit für diese  Gedankenreise, nicht zu lange, aber doch so lange bis mir bewusst wird,  dass das Leben nicht nur mit Schlechtigkeiten aufwartet. So kann ich manchmal mein seelisches Gleichgewicht wiederherstellen. Das gelingt mir nicht immer, aber meistens. Probiere es mal aus!

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Der Sturm. Gedanken um die stürmischen Zeiten. Auf See. Im Leben. Im Herzen.

Der Sturm. Gedanken um die stürmischen Zeiten. Auf See. Im Leben. Im Herzen.

“For all Crew: Safety sea, safety sea! For all Crew: Safety sea, safety sea! Safety Officer, please proceed to the bridge! Assesment Team: Standby! Medical Crew: Standby! Urgent!Urgent!”

Die Durchsage riss mich aus dem Schlaf. Wir waren etwa 4 Stunden von unserem Ausgangshafen Ushuaia entfernt, hatten Kap Hoorn hinter uns gelassen. Bestes Wetter, ruhige See, etwas Nebel. Die Gäste hatten ihr Diner schon serviert bekommen, es kehrte langsam Ruhe ein. Als ich die Augen öffnete merkte ich schon, dass das Schiff ordentlich schaukelte. Die Stabilisatoren waren wohl schon eingefahren. Ich kletterte aus meiner Koje und musste mich schon festhalten um nicht zu stürzen. Die Gläser auf dem Tisch rutschten ziellos hin und her. Ich nahm sie, stellte sie in das Schränkchen, verschloss es und sicherte alle beweglichen Teile in der Kabine. Stellte den Fernseher auf die Erde und zurrte ihn mit einem Gurt fest. Im Bad kam alles was sich bewegen konnte in einen Schrank. Dann zog ich die Rettungsweste an, ein hellgelbes Basecap mit der Aufschrift “Officer Crew” und schlang mir einen Pullover um die Hüfte. So verließ ich, wie alle anderen den Crewbereich und eilte zu meiner Station, an der ich zu stehen hatte, bis der Kapitän weitere Anweisungen gab. Ich war dafür zuständig, den Küchenbereich räumen zu lassen, wenn der Befehl dazu kam. Die Küchencrew war damit beschäftigt Töpfe, Messer und andere Gegenstände zu sichern, damit diese nicht zu Geschossen wurden und Menschen verletzen konnten. Ich hatte bei einem bestimmten Zeichen dafür zu sorgen dass die Crew  die Küche verließ und die Türen hermethisch abzuschotten. Bei einem Feuer würde danach die Küche mit Co2 begast um die Flammen zu ersticken. Im Restaurant wurden die Tische abgedeckt, die Stühle mit eisernen Haken im Boden verankert, so dass diese sich nicht bewegen konnten, alle Schränke verschlossen und gesichert. Die Passagiere mussten auf ihrer Kabine bleiben, das zuständige Team kontrollierte ob alles seefest gemacht wurde. Das Schiff bäumte sich auf und schlug immer wieder mit dem Bug auf das Wasser, welches immer wilder wurde. Die Gischt schoss an die Fenster bis Deck 6. Es wurde immer schwieriger sich auf den Beinen zu halten. Da half nur: Breitbeinig wie ein Cowboy gehen, die Knie nie durchstrecken. Immer federnd bewegen. Eine Hand immer am Schiff. Die üblichen Funksprüche für die Crew quäkten durch die Funkgeräte. Der Kapitän versuchte das Schiff mit dem Bug auf die Wellen zu steuern. Ein Stahlschiff biegt sich unter solchen Wassermassen. Man hört es stampfen, krachen, ächzen. Ich hörte über Funk, dass es die Glasvitrine an der Bar auf Deck 8 nicht überlebt hat, keine Verletzten. Sie hatte sich aus der Verankerung gerissen und flog mit den Flaschen darin bis zum Fenster, wo sie zerbarst. Also, 5 Mann rauf und sie versuchten Schlimmeres zu verhindern. Ein Schiff auf Kurs zu halten bedeutet viel Erfahrung der Nautischen Besatzung. Draußen konnte man nicht mehr erkennen ob dort Meer oder Himmel zu sehen war. In solchen Breitengraden wurde es zu dieser Jahreszeit nicht mehr wirklich dunkel, höchstens diffuses Licht schimmerte. 8 lange Stunden in denen die Crew beruhigt werden musste, die Gäste betreut und versorgt werden mussten, 8 lange Stunden in welche selbst mir angst und bange war, denn so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Ich hatte selten Angst und ein Sturm hat mich nicht erschüttert, aber ein Orkan dieser Stärke kannte ich nicht. Naturgewalt pur, gefährlich für Leib, Seele und Schiff. Nach diesen langen Stunden beruhigte sich die See langsam wieder, die Windstärke sank auf 5, was immer noch ganz ordentlich war. Wir hatten das Zentrum des Orkans verlassen und steuerten auf ruhige Gewässer zu. Der Kapitän gab Entwarnung, ich gesellte mich zu meinen Offizierskollegen in die Messe, wo die nächste Einsatzbesprechung stattfand. alles musste wieder auf Vordermann gebracht werden. Der Betrieb musste ja weitergehen. Die Gäste wurden gut betreut und mit einem ausgezeichneten Service betüdelt. So, wie man es auf einem 5* Kreuzer erwartet. Dann kehrte irgendwann Normalität ein und wir konnten unsere Reise in die antarktische Wunderwelt fortsetzen. Niemals wieder habe ich so einen Sturm erlebt und ich darf sagen, dass ich viele Meere befahren habe.

Es war nur eine Situation in meinem Leben, mit dem Leben bin ich, Gott sei Dank, auch davongekommen. Aber es gibt ja auch noch andere Stürme im Leben. Wer mich kennt weiß um meinen Kampf im Sturm “Alkohol”. Jeder von uns hat stürmische Zeiten hinter sich. Oder noch vor sich. Depressionen, Existenzangst, Tod, Krebs, Arbeitslosigkeit, Selbstverachtung,  egal wie wir versuchen die Stürme zu benennen, jeder weiß einen, dem er einen Namen geben könnte. Wir waren etwa 90 Mann Besatzung auf dem Schiff und haben durch Zusammenhalt und Fachwissen den Orkan überlebt. Zusammenhalt bedeutet aber auch nicht nur davon zu profitieren, sondern auch andere am Zusammenhalt teilhaben zu lassen. Eigeninitiative ist gefragt. Helfen und helfen lassen ist das Zauberwort. Auch im echten Leben, im reellen Miteinander. Wer sich immer nur versteckt und darauf wartet gefunden zu werden muss sich nicht wundern, wenn er eben nicht gefunden sondern  übersehen wird. Das passiert ganz häufig. Jemand sagt: Mir hilft doch sowieso keiner! In dieser Aussage steht nämlich auch oft Folgendes: Ich will gar nicht, dass mir jemand hilft! Ich gefalle mir in der Opferrolle ganz prima. Mir geht es zwar nicht gut, aber ich kann damit leben. Und wehe jemand versucht mich aus dieser Rolle zu holen und in meine Komfortzone, die zwar nicht toll aber erträglich ist, einzudringen. Glaubt mir, ich weiß wovon ich rede. Aus meiner Sucht bin ich auch nicht alleine herausgekommen. Nur mit Hilfe von Fachleuten und Freunden. Und Menschen, die mir zu Freunden geworden sind. Es geht manchmal nur ZUSAMMEN. Der Mensch ist auch gar nicht dazu gedacht jedes Scheißproblem nur mit sich selber auszumachen und durchzustehen. “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…” steht in irgendeinem alten Buch geschrieben. Und genau so ist es. Wenn wir Hilfe brauchen, müssen wir uns öffnen und zu unserem Problem stehen. Fragen:”Kannst DU mir helfen?”, “Möchtest DU mir helfen?” sind da schon wahre Zaubersprüche, die ungeahnte Türen öffnen. Vielleicht klappt es nicht beim ersten Mal, dann kann man sich umdrehen und den Nächsten fragen. Ein Versuch ist es allemal wert. Oder nicht? Die andere Seite zu beleuchten ist auch interessant. Fragt jemand: “Kannst DU mir bitte helfen?” bedeutet ja nicht zwangsläufig, DASS ich es KANN. Vielleicht geht es um etwas, wovon ich keine Ahnung habe, keinen Plan wo ich ansetzen könnte. Dann kommuniziere ich das aber auch und gebe offen und ehrlich zu, dass ich in diesem Fall eben nicht in der Lage bin. “Doch warte mal, ich kenne jemanden, der Dir wahrscheinlich eher helfen kann.” Und zu guter Letzt gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit. Die Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht wenige Selbsthilfegruppen sind genau deswegen entstanden und dort sind wahre Fachleute auf den spezifischsten Gebieten hervorgegangen.

Die Stürme des Lebens zu überstehen ist nicht einfach, doch zusammen kann man sie auf jeden Fall meistern. Vielleicht auch den nächsten. Dieser Text, Aufsatz oder wie auch immer ist bitte nicht als belehrend zu verstehen. Er soll Mut machen. In einer Welt, in der es um Krieg, Habgier, Mord, Corona und andere Fiesigkeiten geht, hilft es manchmal mutmachende Worte zu lesen. Oder zu hören.

In diesem Sinne.

Herzlichst

Freric

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