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“Ethik von Mensch zu Mensch”

“Ethik von Mensch zu Mensch”

Einleitung:

In diesem vorliegenden Artikel soll es um die Erörterung der Thematik „Die soziale Arbeit und deren ethische Hintergründe“ gehen. Was ist Ethik und was beinhaltet diese?

 „Philosophische Disziplin oder einzelne Lehre, die das sittliche Verhalten des Menschen zum Gegenstand hat; Sittenlehre, Moralphilosophie“ „Gesamtheit sittlicher Normen und Maximen, die einer (verantwortungsbewussten) Einstellung zugrunde liegen“

(Duden/Herkunftsdefinition/©Bibliographisches Institut GmbH, 2020)

Die soziale Arbeit zeigt sich in einem vielfältigen und von helfenden Situationen geprägten Kontext, auf welchen dieser Artikel einen umfangreichen Blick richten möchte. Nicht alle, doch einige hoch aktuelle als auch zeitlose Situationen und Fragestellungen aus der sozialen Arbeit möchte diese Ausarbeitung zum Anlass nehmen, um verschiedene Sichtweisen zu erörtern und zur individuellen Innenschau einzuladen.

Thema:

„Ethik von Mensch zu Mensch“

Es kann ein verstörender und aufrüttelnder Anblick inmitten eines wohlstrukturierten und wohltemperierten Alltags sein: Der sichtlich angetrunkene, in schmuddeliger Erscheinung wirkende Mann, in gebeugter Haltung und mit sich Selbstgespräche führend, stehend am Eingang eines Lebensmittelgeschäfts, den vorbeigehenden Passanten zur Schau gestellt. Was löst eine solche Situation innerhalb des sozialen Gefüges im Betrachter aus? Welche moralischen Vorstellungen und Erwartungshaltungen impliziert dieser bewegende Moment bei allen Beteiligten? Eine spontane Ablehnung könnte spürbar werden, auch eine Diffamierung des Bedürftigen könnte geschehen. Wieder andere Betroffene verspüren das innere Bedürfnis, helfen zu wollen, scheinbar sozial verantwortungsvoll zu interagieren. Schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud erkannte den Zusammenhang von Situationen und dem Auslösen von unbewussten innerlichen Prozessen, der Determiniertheit aller sozialen Prozesse, welche der Motivator der Handlungen darstellt.

Der Einkaufsladen ist erreicht, der vermeintlich Bedürftige hinter sich gelassen. An der Obsttheke fällt der Blick auf eine Person, die keine Mund-Nasen-Bedeckung trägt. Inmitten der gegenwärtigen Corona-Pandemie ein seltener und zugleich unzulässiger Anblick. Darf dies sein? Um den Menschen bildet sich auf einmal eine hitzige Traube, er wird zur Zielscheibe der Diskriminierung anderer. Ihm werden Attribute zugeteilt und Absichten unterstellt. Kaum zu Wort kommend, artikuliert und gestikuliert er händeringend um Absolution seines Nicht-Tragens eines Mundschutzes. Es geht um die Frage dieser Tage: Wann enden die Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung zum Wohle der Allgemeinheit und der Unversehrtheit jedes Einzelnen? Wo sich moralische Werte und gesellschaftliche Normen scheiden, erließ die Politik Gesetze und Verordnungen, welche ein soziales Miteinander in der Krise regeln und strukturieren sollen. Der Schutz und die Gesundheit deklarieren das Doktrin, welches zum Gradmesser einer jeden sozialen Interaktion wird und persönliche Lebenseinstellungen und Existenzen überschattet.

Recht auf Selbstbestimmung vs. das Wohle der Gemeinheit?

Zwei Herren in Uniform betreten das Szenario, der Marktleiter hat die Polizei hinzugerufen. Was ist, wenn eine Situation innerhalb der sozialen Interaktion schwerwiegend außer Kontrolle gerät? Wer vermag eine toxische Anreihung von Ereignissen im Sinne aller Beteiligten immer richtig zu deuten? Der Polizei obliegt als finales Mittel der Deeskalation der „finale Rettungsschuss“:

„Ein Schuss, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödlich wirken wird, ist nur zulässig, wenn er das einzige Mittel zur Abwehr einer unmittelbar bevorstehenden Lebensgefahr oder der unmittelbar bevorstehenden Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung der körperlichen Unversehrtheit ist.“

(Art. 66 Abs. 2 Satz 2 Bay PAG)

Dem klügsten Menschen vermag es wohl nicht immer gelingen, binnen Sekunden das Todesurteil über einen anderen Menschen gewissenhaft auszusprechen, zu richten über Leben und Tod, einen hochgeschaukelten Moment dementsprechend auszuwerten. Die Alternative wäre eine Eskalation ohne das Einwirken ein jeder solcher Menschen. Den größten Respekt den Involvierten, die bereit sind, diese Bürde der Verantwortung zu schultern, die oft ein Leben lang die Konsequenzen eines „finalen Rettungsschusses“ verarbeiten.

Der Einkauf wird fortgesetzt, von der Obst- und Gemüseabteilung in Richtung Kühlregal. Eine verschleierte Frau passiert den Weg, freundlich blitzen ihre warmen, dunklen Augen unter den Stoffen hervor. Die Frage, die aktueller ist denn je, steht im Raum: Was geschieht mit Menschen mit Migrationshintergrund, gegen die aufenthaltsbeendende Urteile rechtsstaatlich ausgesprochen wurden? Eine Option stellt der faktische Schutz des Kirchenasyls dar. Dabei wird unterschieden zwischen einem offenen, stillen oder verdeckten Asyl. Die rechtswissenschaftlich umstrittenste Maßnahme bildet das verdeckte Asyl, bei dem keine Behörde hinzugezogen wird. Menschen, die ein anderes Land aufsuchen, in dieses flüchten, ihre Heimat und Wurzeln hinter sich lassen, haben oftmals schwerwiegende Gründe dafür und werden häufig durch drastische, unzumutbare Umstände dazu gezwungen. Die schlimmsten Traumata flankieren zu häufig ihren Lebensweg. Die Kirche sieht sich in sozialer Verantwortung gegenüber diesen Menschen, lebt und gibt Nächstenliebe und gewährt den Schutzsuchenden Unterschlupf, wie es die theologischen Lehren preisen. Ist dies richtig oder impliziert dies nicht ein Veto in Bezug auf das Vertrauen haben in die Urteilskraft des Staates?

Verschuldete oder nicht verschuldete Not?

Zwei Meter weiter am Kühlregal, Richtung den Joghurts. Lieber den Erdbeer- oder lieber den Vanillejoghurt? Da dringen Gesprächsphrasen an die Ohren und lassen einen zum unfreiwilligen Lauscher werden: Eine junge Frau mit Kleinkind klagt einer älteren Frau ihr Leid, keine Wohnung finden zu können. Gerade sei sie ihrem schlagenden, alkoholkranken Partner entkommen, geflüchtet in eine Mutter/Vater-Kind Einrichtung, und nun widerfahren ihr Vorurteile en masse. Dies sei für sie schlimm, jede ablehnende Reaktion von Seiten der Vermieter, ohne sie und ihre persönlichen Umstände näher zu kennen, wie eine weitere Ohrfeige. Sie fühle sich, als würde sie ein Stigma tragen, wohnungssuchend aus einer sozialen Notunterkunft kommend.

„Aufenthalte im Frauenhaus werden häufig über Leistungsansprüche aus dem Sozialgesetzbuch finanziert. Weil EU-Bürger_innen in vielen Fällen nicht leistungsberechtigt sind, müssten sie Unterkunft und Beratung selbst finanzieren – und kommen deshalb oft gar nicht in den Schutzunterkünften an.“

 (Aktuelles, Bewohnerinnenstatistik, Pressemeldungen, 2019, ©Frauenhauskoordinierung)

Ist es vertretbar, einer leitgeprüften Person weiteres Leid in Form von Diskriminierung bei der Wohnungssuche zu vermitteln? Steht ein Urteil zu, ohne in den direkten Dialog gegangen zu sein, geleitet von gesellschaftlichen Konventionen? Oder wird zu viel Aufhebens um eine vermeintliche Selbstverständlichkeit gemacht, künftige Mieter auf Herz und Nieren zu prüfen?

Ein Hilfsangebot – bereichernd oder nicht?

Da rennen auf einmal zwei Jungs den Einkaufsflur entlang und eine Frau mittleren Alters hinterhereilend, bemüht die Buben zu bändigen. Wie es wohl ist, wenn die Kinder viel Unruhe in sich verspüren und Mühe haben, dem Lernstoff und Schulalltag konzentriert und geflissentlich zu folgen? Die Schulsozialarbeit kann hier Antworten und Hilfestellung geben. Sie meint professionelle, sozial-orientierte Arbeit für und mit den Lernenden und Arbeitenden einer Schule. Laut den „Leitlinien für Schulsozialarbeit“ des Kooperationsverbunds Schulsozialverband beruht die Schulsozialarbeit immer auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Sie kann und sollte nicht erzwungen oder gar machtvoll missbraucht werden. Ein Hilfsangebot in dieser Hinsicht kann für alle Beteiligten eine wunderschöne und produktive Bereicherung darstellen. Und sie vermag ebenso unter Druck zu setzen, Hilfsangebote annehmen zu müssen, um nicht sozial benachteiligt zu werden. Wie steht es hier um die Menschen mit Migrationshintergrund: Wird die Schulsozialarbeit auferlegt als Voraussetzung einer guten und gewollten Integration? Haben diese Menschen eine Wahl, die Hilfe anzunehmen oder auszuschlagen?

Nun noch schnell zu den Zeitschriften, um sich über das aktuelle Zeitgeschehen zu informieren. Ist es ethisch vertretbar, unser Land am Hindukusch zu verteidigen? Die Frage kommt auf, nachdem die Entscheidung darüber im Raum steht, mit bewaffneten Drohnen die Bundeswehr vor Ort aufzurüsten. Die Befürworter argumentieren, die Drohnen dienen ausschließlich zum Schutz der Soldaten und Soldatinnen vor Ort. Ob diese Maßnahme sinnhaft und dem Völkerrecht entsprechend ist und zugleich der ethischen Überprüfung standhält, wird durch dieses Argument gleich ausgeklammert. Und so bleibt die Fragestellung erhalten: Schützt das Einsetzen bewaffneter Drohnen Leben oder nimmt es Leben?

Würde vs. Asyl?

Schnell zur nächsten Zeitung greifen, doch auch da ziert ein gehaltvolles Thema das Titelblatt: „Wie steht es um die Menschenrechte für Flüchtlinge in Gewährswohnungen, für Menschen ohne Aufenthaltstitel?“ In Deutschland ist es anerkannten Asylbewerbern erlaubt, für sich Wohnraum anzumieten. Nicht anerkannte Asylbewerber haben keine Wahl, sie kommen in Gewährswohnungen unter. Dadurch findet in gewisser Weise eine Klassifizierung der Asylsuchenden statt; die eine Gruppe erfährt das Recht auf Selbstbestimmtheit und Autonomie, die andere Gruppe kann nicht frei wählen, eine Unterkunft wird bereitgestellt. Hauptsache Unterkunft, könnte man meinen. Doch ist es wirklich so einfach, wie es dem Anschein nach aussieht? Greift diese Regelung nicht in die Würde eines jeden ein, der ein Land aufsuchte, welches das Recht auf Würde im Grundgesetz verankert hat? Aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet könnte diese Einteilung auch als ein Medium der Strukturierung gesehen werden. Die Abläufe haben in sich eine gewisse Ordnung, es sollen nicht einfach Menschen abtauchen und unter dem Radar verschwinden.

Aufgewühlt und etwas dumpf wird sich in die Schlange im Kassenbereich angestellt. All diese Gedankengänge, all diese sozialen und menschlichen Gefüge und Situationen. Eine undefinierbare Stimmung steigt auf. Wie steht es um unsere Selbstbestimmung? Hat nicht ein jeder Mensch das Recht, nach seiner Fasson, seinem Gutdünken im legalen Rahmen zu leben und sich nach persönlichen Vorlieben und Vorstellungen zu entfalten? Solange sich an Gesetze gehalten wird, sollte der Staat nicht äußerst vorsichtig mit einem Zugriff auf Leben agieren? Und gilt dies nicht auch für andere Personen, die meinen zu wissen, wie ein Leben gelebt werden soll? Es ist Teil des Verständnisses der Selbstbestimmung, frei wählen zu dürfen, wen ich von außen in mein Leben eintreten lasse, wer bleiben darf und wer wieder gehen soll, wer Macht über meine Entscheidungsfreiheit erlangt oder wer diesen Einfluss auf mich niemals haben wird.

Selbstbestimmtheit vs. Krankheit?

Im Sinne der Menschenrechte ist das Selbstbestimmungsrecht ein wesentlicher Eckpfeiler unserer Autonomie. Wann ist eine Einmischung von außen legitim? Wann endet der freie Wille zugunsten dem Wohle der Gemeinschaft? Wie sieht es erst damit aus, wenn Menschen mit Abhängigkeiten und psychischen Störungen Machtausübung in einem Zwangskontext erleben müssen? Der abgeschlossene kleine Mikrokosmos einer Klinikwelt lässt nicht immer einen Blick von außen nach innen und von innen nach außen zu. Das Vertrauen zwischen Patienten und behandelndem Arzt sollte dabei unabdingbar gegeben sein, um Fehlentwicklungen von beiden Seiten zu vermeiden. Gegenüber Menschen mit psychischen Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen kann mitunter sehr leicht, oftmals auch im besten Gewissen und Wissen, Macht und Zwang ausgeübt werden. Sie sind das schwächste Glied in einer Reihe und nicht immer Herr ihrer Sinne aufgrund verschiedener Psychopharmaka. In einem solch intensiven Gefüge hat das verantwortungsvolle Handeln eines jeden oberste Priorität. Ein Mangel an Personal kann sich nachteilig auf die Verpflegung und das Therapieren dieser Menschen auswirken.

Schluss:

Der Einkaufsladen wird verlassen, zurück im Auto drehen sich die Gedanken im Kreis. Die Frage kommt in den Sinn: „Wann ist Hilfe helfend und wann nicht?“ Hilfe geben zu wollen, als Geschenk und Frage darbietend. Dem Betrachter zeigt sich oftmals eine Momentaufnahme, die zu schnellen Entscheidungen zwingt. Hilfe geben zu wollen kann egoistische und profilierende Motivationsgründe haben. Hilfe zu geben kann von eigenen Problemen ablenken und ein Gefühl der inneren Zufriedenheit schenken. Hilfe zu geben kann auch völlig unbedarft und selbstlos geschehen. Es sollte immer in Erwägung gezogen werden, die Hilfestellung wie eine Einladung zu offerieren, welche angenommen oder abgelehnt werden kann. Nur selbstbestimmt kann Hilfe angenommen werden und sich das Machtgefüge zwischen Helfer und Geholfenem nicht verschieben. Hilfe kann als Himmel empfunden werden. Hilfe kann als Hölle empfunden werden. Dazwischen, gibt es da etwas?

Literaturverzeichnis:

  • Duden/Herkunftsdefinition/©Bibliographisches Institut GmbH, 2020
  • Universität Heidelberg/Bereich allgemeine und theoretische Psychologie „Freuds Psychoanalyse – Eine Einführung“, Stuttgart: Kohlhammer, Köhler, T., 1995
  • „Der finale Rettungsschuss – Polizeirechtliche Vorschriften und deren Verfassungsmäßigkeit“, Manuel Holder, 14.12.2006
  • Polizeiaufgabengesetz Bayern/PAG
  • Ausarbeitung/wissenschaftliche Dienste/©2018 Deutscher Bundestag
  • Neundorf, „Kirchenasyl – Verfassungsrechtliche Aspekte und ausgewählte administrative Handlungsmöglichkeiten“, ZAR 2011, 259 f.
  • Verein Frauenkoordinierung/Bewohnerinnenstatistik 2019
  • Kooperationsverbund Schulsozialarbeit, Januar 2015
  • Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für internationale Politik und Sicherheit, „Zur Ethik militärischer Gewalt“, Berlin, Peter Rudolf, März 2014, S. 6
  • Politik/Wolfgang Lieb/17.12.2020
  • Universität Oldenburg, Lexikon, 21.08.2020
  • „Psychisch kranke Straftäter: Epidemiologie und aktuelle Praxis“, Springer, Norbert Leygraf

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Kinderheim, (k)ein Alptraum…. Teil 1 by @freric1973

Kinderheim, (k)ein Alptraum…. Teil 1 by @freric1973

Kinderheim… Teil 1

Das hört sich erst einmal ziemlich brutal an. Wenn ich manchmal überlastete Eltern sagen höre:” Benimm Dich und sei ruhig, sonst stecke ich Dich ins Heim, möchtest Du das?” impliziert bei mir diese “Drohung” zumindest, dass man dem Kind schon ein paar Horrorstories erzählt hat und droht außerdem mit Liebesentzug – da die Eltern ja nicht ins Heim sollen, sondern der ungezogene Nachwuchs. Für ein Kind ist die Vorstellung alleine schon ziemlich erschreckend und brutal, ja einschüchternd. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Eltern diesen Schritt gehen würden, dabei sei gesagt, dass meine Mutter mit 4 Kindern, davon ein adoptiertes (ich) ziemlich überfordert war. Vielleicht erzähle ich an anderer Stelle wie es mir dort erging. Soviel sei gesagt: Es ging mir nicht gut dort. Mein Vater packte mich ins Auto und ab ging die Luzzie. Ich landete in einem Heim für “schwer erziehbare Knaben”. Ein von Nonnen geführtes, mit Zivilpersonal aufgefülltes Kinderheim unter der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Rheinland und der Caritas. Nun darf ich freudigerweise berichten, dass ich nicht auf dem riesengroßen Gelände des eigentlichen Heimes mit 14 Gruppen á 12 Jungen untergebracht wurde. Ich wurde einer Außenwohngruppe zugeteilt in welcher lediglich 6 Jungs untergebracht waren. Es war ein Haus in dessen Anbau die Besitzerin und gleichzeitig die Gruppenleiterin mit ihrem Sohn wohnte. Der Rest des Hauses war für uns. Ich bekam dort ein Einzelzimmer und ich erinnere mich heute (und nicht nur heute) daran, dass meine Zimmertür nicht von außen abgeschlossen wurde. Das war eine völlig neue Erfahrung für mich. Nicht eingesperrt zu werden. Ich ging in den ersten Nächten immer wieder an meine Zimmertür und drückte die Türklinke herunter und öffnete die Tür ein wenig, nur um sicherzugehen, dass die Tür wirklich, ganz wirklich, nicht abgeschlossen war. sie war es nie. Auf die Frage der Gruppenleiterin, welche mir in den ganzen Jahren eine gute Freundin wurde, warum ich das tue und ich ihr mein Herzchen ausschüttete, starrte sie mich ungläubig an, nahm mich in den Arm und musste sich zusammenreissen um nicht zu weinen. Ich weiß es noch wie heute. Einen Tag später hatte ich einen wöchentlichen Dauertermin beim Psychologen. “Na toll”, dachte ich mir und ging, wie mir geheißen wurde, brav dorthin. Der brachte mich nach den ersten Stunden in einen Raum mit lauter Spielsachen. Unter anderem hing da ein echter Boxsack. Er gab mir Handschuhe und übte ein wenig mit mir. Nach ein paar Minuten rief er Bilder in meinem Kopf hervor und meine Schläge auf den Boxsack wurden härter und härter. Ich schrie vor Wut und schlug weiter und weiter. Bis ich weinend auf den Boden sank. Ich konnte nicht mehr. Er tröstete mich und sagte zu mir: “Ich glaube Du hast schon ewig nicht mehr geweint. Du hast es Dir in deinem Kopf einfach verboten, weil es keine Reaktion darauf gab, oder? Denn wenn es keine Reaktion, kein Trösten gibt dann kann man sich das Weinen sowieso schenken und genau das hast Du getan. Aber ab jetzt kannst Du traurig oder fröhlich sein und das eben auch zeigen, denn das ist wichtig… Für jeden, egal wie alt er ist, verstehst Du?”  Ich habe noch Jahre gebraucht um dies zu verstehen und diese Worte begleiten mich auch heute noch.
In dieser Gruppe gab es eben noch 5 andere Jungs, keiner wie der andere, jeder hatte sein verdammtes Päckchen zu tragen, jeder von ihnen hatte seine eigene Vorstellung von einem zu Hause. Es gab keinen, der nicht gehofft hatte wieder nach Hause zu dürfen, weil seine Eltern ihn doch so liebten. Heute weiß ich, dass es nicht der Wunsch war nach Hause zu kommen. Es war der Wunsch nach Geborgenheit, Anerkennung und elterlicher Liebe. Denn genau das hatten wir alle  zu Hause nicht bekommen. Natürlich waren wir keine Engel, lieber Leser und liebe Leserin, wir waren alle das Produkt unseres jeweiligen sozialen Umfeldes. Bekommt man den Umgang mit Geld nicht beigebracht, den Wert von Dingen nicht erklärt dann kann es durchaus passieren, dass das Kind anfängt zu stehlen. Das Erschrecken der Eltern, die sich keiner Schuld bewusst sind, ist dann riesengroß. Das Kind, welches sich in seiner Freizeit selbst überlassen wird, kann durchaus auf die schiefe Bahn geraten und schon in frühen Jahren anfangen zu rauchen, zu saufen oder andere Fehler begehen, da es keinen hat, der es ihm anders gezeigt hätte. Solche Erziehungsfehler schleichen sich ein und sind nur sehr schwer zu korrigieren. Na ja, ich will hier keine Erziehungsratgeber schreiben, es ist lediglich ein Beispiel unter vielen, welches aufzeigt wie man in einem Heim landen kann. Denn in einem Heim landet nur das schwächste Glied in der sozialen Kette und das sind nicht die Eltern oder Großeltern.

Bis hier erst einmal.

Gerne dürft Ihr kommentieren oder Fragen stellen, ich würde mich freuen.

Freric

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Posted by lovefeet1973 in Allgemein, Unterwegs, 0 comments