Jellinek

Allgemeines und meine Sicht der Dinge zum Thema Alkoholsucht

Allgemeines und meine Sicht der Dinge zum Thema Alkoholsucht

Das Wort “Sucht” kommt nicht von “suchen”, obwohl ich sehr wohl der Meinung bin, dass Sucht sucht. Und zwar denjenigen, der ihr am allerwenigsten Kontra geben kann. Ich rede hier nicht von “dummen” Menschen, von “schwachen” gar. Das Wort “Sucht” stammt von “siechen”, “dahinsiechen”. Als das Wort “siechen” gebraucht wurde, gab es eine Menge Krankheiten, die jemanden dahinsiechen ließ. Die Pest, Gelbsucht, Fallsucht, Fieber und viele anderen mehr. Doch konnte man damals diese Krankheiten nicht so wie heute benennen und gebrauchte eben das Wort “Sucht”, von “siechen”. Übrig geblieben ist das Wort Sucht im Sinne von Abhängigkeit einer beliebigen Substanz oder auch Tätigkeit (z. B.: Spielsucht).
Alkoholsüchtig wird man nicht von einem Glas Bier oder dem ersten Schnaps, den man probiert. Alkoholsüchtig wird man durch Gewöhnung, Training und Konditionierung der Körperorgane, insbesondere der Leber. Die Theorie, dass Alkoholsucht vererbbar sein könnte, wird allerorts gerne verbreitet ist zunächst aber noch nicht bewiesen. Fakt ist aber, dass es bestimmte Gene zu geben scheint, die die Alkoholsucht begünstigen könnten und somit vererbbar sind. Dies mit “Dein Vater war Alkoholiker und Du wirst auch ein Säufer!” zu propagieren ist eine Denke aus dem letzten und vorletztem Jahrhundert und zeugt von professionellem Nichtwissen.

Wir kennen Menschen in den Aggregatzuständen: angetrunken, betrunken und ertrunken. Wir begegnen allen Schattierungen von Schwips bis Rausch fast täglich und überall. In den Büros wird angestoßen, an Feinkostläden an den Stehtischen wird genippt, auf Feiern jeglicher Art wird eingeschenkt und jedes Wochenende werden Blumenkübel vollgekotzt und sehr viele verlieren den Führerschein und/oder das Gesicht. Doch wer von ihnen ist abhängig? Wer will darüber urteilen? Wer kann darüber urteilen? Denn üblicherweise gilt vor Gericht: Vor dem Urteil kommt erst einmal die Beweisaufnahme. Bei Medizinern spricht man von Anamnese. Und trotzdem sind die Grenzen zur Abhängigkeit verschwimmend – und zwar nach oben und nach unten.
Mengenangaben zur Feststellung einer Abhängigkeit sind nicht unbedingt erheblich, da es Leute gibt, die sich in kleinen Schlückchen durch den Tag trinken, nie einen Vollrausch haben und trotzdem in der Suchtproblematik stecken. (Spiegeltrinker)

Dann gibt es jene, die sich jeden Abend 50 gr. Alk in den Kopf gießen, ohne alkoholkrank zu sein. (Gewohnheitstrinker) (50 gr Ethanol = 0,75 Promille = 1/2 l Wein = 0,1 l Korn = 5 Stunden Abbauzeit)
Und es gibt Menschen, die ihren Konsum phasenweise hochgepeitscht haben und sich später (z. B. nach einer Lebenskrise) wieder in die Normalitätstrinkende Menschheit eingereiht haben. (Problemtrinker)

Und wer kennt sie nicht, die Geschichten vom Opa, der jeden Tag 5 Schachteln Zigaretten ohne Filter rauchte und sich mindestens 5 Liter Hörnerwhiskey in die Rüstung gepfiffen hat und trotzdem 93 Jahre alt wurde? (Legendentrinker)

Doch wer ist denn nun alkoholkrank und wer bitteschön nicht?

Alkoholiker ist, wer den ganzen Tag schlecht frisiert auf der Parkbank wohnt und stinkt wie ein alter Lappen. DAS hätten wir gerne. Weil, Alkoholiker sind immer die anderen, aber ich doch nicht. Das Klischee des Alkoholikers als obdachloser Penner zieht sich durch alle Schichten. Damit sind nämlich alle fein raus, die sich regelmäßig die Binde zukippen.
1,61 Millionen Bundesbürger trinken missbräuchlich Alkohol. Alles Penner? Mitnichten. Es betrifft sämtliche soziale Schichten. Der riskante Konsum von Ethanol liegt schätzungsweise bei 2,8 Millionen Bürgern, 2,7 Millionen betreiben einen gefährlichen Konsum und 1,8 Millionen gelten als alkoholkrank. Andere Quellen gehen von 2,5 Millionen Suchterkrankter aus. Summa: Wohlwollend gerundet sind wohl etwas mehr als 10 Millionen Bürger ernsthaft in Sachen Alkohol unterwegs. Da braucht man eine Menge Parkbänke, oder nicht? Und by the way, die Dunkelziffer wird um einiges höher sein als die eben genannten Zahlen, denn wer gibt schon gerne von sich zu ein Alki zu sein?

Nun, wir haben bis jetzt festgestellt, dass Parkbänke keine zuverlässigen Mittel sind, um alkoholkranke Menschen zu katalogisieren.

Ich möchte Ihnen jetzt mal einen Krankheitskatalog vorstellen. Was nun folgt, kennt jeder, der in Sachen Suchtfragen schon mal praktizierenderweise unterwegs war. Der Forscher Elvin Morton Jellinek und seine mindestens 60 Jahre alte Typologie. Mit Sicherheit gibt es heute modernere, der Wissenschaft angepassteren Typologien.

Die Säuferwelt des Herrn Jellinek sieht folgendermaßen aus:

Alpha Trinker
Ist nur psychisch abhängig. (Problem- Konflikttrinker, Erleichterungstrinker)

Beta Trinker
Hoher Konsum ohne Psychische und physische Abhängikeit, aber bereits mit körperlichen Schäden wie Fettleber oder Gastritis. (Gelegenheitstrinker, Gewohnheitstrinker)

Delta Trinker
Dauerhaft beim Saufen, abstinenzunfähig, steht unter Dauerstrom und kann seinen Konsum noch kontrollieren. (Spiegeltrinker)

Epsilon Trinker
Trinkt periodisch, dann aber so richtig. Bis nichts, aber auch gar nichts mehr geht. Dann monatelang trocken um dann wieder loszulegen. (Quartalssäufer)

Meine Frage an mich lautete, wo ich mich anhand dieser Typisierung einordnen würde. Meine Antwort war: Ich bin von jedem etwas. Diese Antwort war nicht hoch angesehen, wollte man mich doch katalogisieren. Wir sehen also, dass jeder Mensch grundverschieden ist und jede Sucht seinen eigenen Gesetzen folgt. Doch trotzdem: Es gibt ja noch andere. Wie zum Beispiel
nach Cloninger/Babor. Diese unterscheiden zwischen Typ A und Typ B:

TYP A ist der Trinker mit einer guten therapeutischen Prognose, kommt aus einem intaktem Umfeld, fängt relativ spät mit der Sauferei an und hat wenig Flurschaden im sozialen Umfeld und seiner Gesundheit hinterlassen.

TYP B startet früh durch, schwerer Verlauf mit schlechter Prognose, genetisch vorbelastet und zumeist männlich. Sprich: Arschkarte.

Auch nicht wirklich eine Superhilfe. Zur Verständlichkeit gibt es hier jetzt mal eine kleine Übersicht der WHO:

Riskanter Konsum:

Mehr als 20 gr. reinen Alkohols = 0,5 l Bier oder 0,2 l Wein (Damen)
Mehr als 40 gr reinen Alkohols = 1,0 l Bier oder 0,4 l Wein (Herren)
Gilt für den TÄGLICHEN Konsum

gefährlicher Konsum:

das gewohnheitsmäßige Trinken um der Wirkung willen, welches körperliche und/oder seelische Schäden zur Folge hat. Auch soziale Probleme werden in Kauf genommen. Gilt aber noch nicht als abhängig.
Männer: zwischen 1,5 l und 3 l Bier oder 0,6 l bis 1,2 l Wein
Damen: zwischen 0,75l und 1,5 l Bier, 0,25 l bis 0,8 l Wein oder 4 Likörchen! (Täglich!!!)

Alkoholabhängigkeit als psyiatrische Erkrankung liegt vor bei:
Suchtdruck – der übermäßige Wunsch Alkohol zu trinken
Vernachlässigung von allem was nicht mit Alkohol zu tun hat – wie Familie, Freunde, Arbeit, Gesundheit Aussehen, Ansehen, —> Parkbank durch Nichtüberweisen der Miete.
Dosissteigerung – Effekt durch Toleranzentwicklung des Körpers
Kontrollverlust – Verlust der Kontrolle des Trinksystems, bedeutet man kann nicht mehr die Menge, Trink-Beginn, (morgens, mittags, abends, nachts) und Trink-Ende entscheiden.
Und zu guter Letzt die Entzugserscheinungen bei Absetzen des Alkohols.

Jeder kann so für sich entscheiden, wo er sich selber einordnen würde, sollte man mal gefragt werden.

Die Übergänge vom Laien bis hin zum Vollprofi sind immer schleichend und werden vom Trinkenden nicht wahrgenommen. Jeder aktive Säufer verspricht sich und anderen hoch und heilig, er könnte jederzeit aufhören.

In meine Artikeln soll es nicht darum gehen den Alk zu verteufeln. Ich möchte auch nicht irgendwem das Bier sauer reden. Im Gegenteil, dem Genußtrinker rufe ich gerne ein frohes “zum Wohle” zu und gönne es ihm oder ihr von Herzen. Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung und als Ratgeber, was man besser vermeiden sollte um nicht auf der ITS zu landen und Dinge zu sehen, die man nicht sehen möchte, aber muss. Und spätestens dann merkte sogar ich, dass Alkohol ein gefährlicher Endgegner ist, gegen den viele schon ihren Kampf verloren haben. Oder gar nicht erst angetreten sind.
Der Unterschied zwischen Euch und mir ist folgender:
Ihr seid (hoffentlich) nicht süchtig, ich bleibe es mein Leben lang, auch wenn ich trocken bin. Das sage ich nicht weil ich mir leid tue, sondern aus dem Wissen heraus, dass ich nichts mehr trinken sollte um mein neues Leben nicht schon wieder zu vergeigen.

Im nächsten Beitrag möchte ich erläutern, warum manche Trinker immer mehr vertragen und stiefelweise Bier, Schnaps, Sekt und Co vertragen.


Wir lesen uns?

Gruß
Freric

@feetlove1973 (twitter)







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Posted by lovefeet1973 in ALK und wie man stirbt, 0 comments