Familie

Wie man in einem Kinderheim landet…

Wie man in einem Kinderheim landet…

Wieder einmal ein Beitrag, fernab von BDSM und Fetisch.

Es gab zu der Zeit, in den 1980er Jahren, zwei Möglichkeiten in einem Kinderheim zu landen. Eigentlich sogar drei. Es gab zum einen die sogenannte Fürsorgeerziehung. Das bedeutete, dass das Jugendamt die Einweisung in ein Kinderheim bei Gericht erwirkte, z. B. wenn die sozialen Skills eines Kindes praktisch nicht vorhanden waren. Gelinde gesagt. Dann gab es Kategorie zwei. Das nannte sich “freiwillige Erziehungshilfe” und bedeutete, dass überforderte Eltern sich entschlossen das Kind in einem Heim unterzubringe. Kategorie drei, die wahrscheinlich traurigste von allen, das Waisenhaus. Ein Kinderheim für Waisen. Ich gehörte zu Kategorie zwei. Durch meine persönliche Vorgeschichte wurde ich von einem gut situiertem Ehepaar adoptiert. Ein Kind war schon vorhanden, dies war ein leibliches Kind. Um der Menschheit etwas Gutes zu tun, adoptierten sie ein Kind – mich. Ich war noch sehr klein und erinnere mich nicht daran. Ein paar Jahre später bekam meine (Adoptiv-) Mutter noch zwei weitere Kinder und meine Odyssee begann. Es ist nichts Unnormales, wenn die Mutter sich um ihre eigenen Kinder, ihr eigenes Fleisch und Blut, anders kümmert als um eines, welches aus einer anderen Lebenssituation in die Familie aufgenommen wird. Dies habe ich an Leib und Seele mit voller Breitseite erleben dürfen. Und ich rede hier nicht von Kleinigkeiten. Ich habe meine Lebensjahre von 4-10 eingesperrt in einem spartanisch eingerichtetem Zimmer verbracht. Nur zu bestimmten Anlässen durfte ich dieses verlassen. Schule, Kirche und familiäre Feste. Ich konnte somit kein “normales” Sozialverhalten entwickeln, wurde auffällig in der Schule, obwohl ich sehr gute Noten hatte. Prügel habe ich zu Hause täglich erhalten, als Strafe für etwas was ich angestellt hatte oder vermeintlich angestellt hatte. Mir wurde es egal wofür ich dies kassierte, es passierte unweigerlich. Irgendwann hat Mutter beschlossen, dass entweder sie ihre Familie verlässt oder eben ich. Und was passiert, wenn solche Entscheidungen getroffen werden? Richtig, das schwächste Glied in der sozialen Kette verliert. Also ging ich. Und zwar in ein katholisches Franziskanerinternat, welches mich aufgrund meiner guten Noten unter ihre Fittiche nahm. Prügel kannte ich schon, denn damit geizte dort auch niemand. Dort blieb ich auch nicht lange, mangels meiner Sozialkompetenzen. Ich habe die Klassenkasse mitgehen lassen, mich geprügelt, meine ersten sexuellen Erfahrungen gemacht und mit dem Rauchen angefangen. Ich flog im hohen Bogen raus und ehe ich mich versah landet ich in einem Kinderheim für schwer erziehbare Knaben. 150 Jungs, verschiedenen Alters und Sozialschichten. Aufgeteilt in 12 Gruppen, in welchen geübt wurde, wie es in einer “Familie” zugehen sollte. Ich hatte wahnsinniges Glück und kam in eine kleine Außenwohngruppe, damals noch ein Pilotprojekt. 6 Jungs, die es schafften aufeinander zu achten und sich zu respektieren. Jeder Bub mit seiner eigenen unschönen Geschichte. Ich bin dort lange geblieben, habe viele Kinder kommen und gehen gesehen. Und was soll ich sagen… Ich prügelte mich nur noch zur Selbstverteidigung, fast gar nicht mehr, nahm Schülersprecherämter an, war im Kinderheimrat, wurde Messdiener und kein Mensch konnte sich erklären, wieso meine Eltern mit mir überfordert waren. Da gab es Menschen, die mich unterstützten, an mich glaubten, mir Zuversicht gaben, mich prägten. Ich habe dort die wohl schönste Zeit meiner Kindheit und Jugend verbracht. Dazu darf ich bemerken, dass ich ein Riesenglück hatte dorthin zu kommen und Menschen um mich hatte, die es gut mit mir meinten. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Zuversicht möchte ich eigentlich gerne vermitteln, jedoch nicht den Anschein erwecken dass ein Kinderheim immer die allerbeste Wahl ist. Es gibt genug Kameraden, die nicht lange nach ihrer Entlassung den Tod gesucht und gefunden haben. Entweder willentlich oder aus Dummheit.

Und trotzdem lässt mich die Geschichte nicht in Ruhe, sonst hätte ich nicht das Bedürfnis heute noch darüber zu schreiben. Es ist halt meine Art irgendwann damit abzuschließen. Wahrscheinlich ist dies erst der Fall, wenn ich vor den Schöpfer trete.

 

In diesem Sinne

 

Freric

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Posted by lovefeet1973 in Unterwegs, 2 comments