Essen

Kinderheim, (k)ein Alptraum… Teil 2 by @freric1973

Kinderheim, (k)ein Alptraum… Teil 2 by @freric1973

Eine Gruppe Jungen zu hüten, die auch noch verschieden alt sind, von 9 bis 16 oder 17, ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Bei "normalen" Kindern schon eine Herausforderung. Bei uns waren Kinder, die dazu noch sozialgestört und teilweise traumatisiert waren, ihre eigenen Macken und Ticks hatten und jeder von ihnen mit einer Vorgeschichte, die jedem empathiebegabten Menschen das Herz zerreißen würde. Wer glaubt, Kinder in Kinderheimen stammen nur von Sozialhilfeempfängern (Hartz4) ab, irrt gewaltig. Wir hatten Kinder deren Eltern Rechtsanwälte, Trucker, Bergwerksarbeiter, Ärzte, ja sogar ein Psychologieprofessor war dabei, Sexworker, Straßenkehrer, Politiker usw. waren. Die kompletten Sozialschichten rauf und runter. Und trotzdem mussten wir uns zusammenreißen und nicht jedem der Neuen gleich erstmal die Fresse polieren, nur weil er neu war. Nein, in dieser Gruppe ging es eigentlich sehr human zu. Der Ton war rau, meistens jedoch ehrlich. Das sah in anderen Gruppen des Kinderheimes anders aus. Uns wurde als Mitglieder einer Außengruppe ohnehin unterstellt, dass wir meinten wir wären etwas Besonderes. Denn dort sein zu dürfen galt als Privileg. War es auch, aber wir durften das nie zugeben. Sonst gab es Dresche vom Feinsten wenn wir das Gelände des Heimes betraten. Der jüngste Bub, den wir hatten war 5 Jahre alt und wurde uns von seine Mutter vor die Tür gesetzt. Sie fuhr davon und der kleine Bub saß von Gott und der Welt verlassen auf unserer Eingangstreppe. Ich könnte heute noch heulen wenn ich daran denke. Er wuchs in unserer Gruppe auf und hatte es 1000 Mal besser als zu Hause. Wenn ihm auch seine Mama sehr fehlte und er sie lange Zeit nicht besuchen durfte. Wir konnten nicht ahnen, dass er sich 3 Tage, nachdem er mit 17 Jahren entlassen wurde, das Leben nahm. Ja, das Leben ist manchmal so richtig Scheiße. Trotzdem gab es eine Menge Jungs, die nach der Schule eine Lehre machten, Arbeit hatten, eine Familie gründeten und es besser machten als ihre vermeintlichen Vorbilder, ihre Eltern - sofern überhaupt vorhanden. 
Natürlich gab es auch viel Zeit der Freude und Lebenslust. Freizeitaktivitäten wie Zelten gehen, Lagerfeuer machen,  Reiten, Tennis, Fußball, Baseball, durch die Wälder streifen, rodeln.... es war so viel möglich, neben Schule, Hausaufgaben, Hausarbeiten uuuuuuuunnnnnd in die Kirche gehen müssen. Ich sage bewusst müssen, denn das Heim wurde von katholischen Nonnen geführt und da war es Pflicht 1 Mal die Woche in die Kirche zu gehen. Für mich kein Problem, sollte ich doch später eh im Kloster landen. Dies aber freiwillig. Damals gab es bei den Jungs, die die hl. Messe als reine Zeitverschwendung ansahen, den Spruch:

"Mit der Knarre vor der Fresse, geht ein jeder gern zur Messe..."

Wenn es wieder Eintopf gab, in Heimkreisen "Rumfort" (alles was RUMliegt muss FORT) beteten wir unser Tischgebet:

"Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und siehe was Du uns bescheret hast! Amen"

Das Essen war nahrhaft. Das war es aber auch schon. Später wurde eine Heimkommission, den Heimrat gegründet. Jede Gruppe wählte einen Gruppensprecher der die Gruppe im Rat vertrat. Der Rat wiederum wählte einen Heimratsprecher und wer diesen Posten inne hatte war heilig und Tabu. Dieser hatte mehr Einfluss auf die Jungs als der strengste Erzieher dort. Wenn der sagte: "Spring!" dann wurde höchstens noch gefragt: "Wie oft und wie hoch?" und dann ging es los. Meistens war er jedoch Streitschlichter, aber auch Richter. Somit teilweise effektiver als so manche Erziehungsansatz diverser Erzieherpraktikanten und Hospitanten, sowie andere Sozialpädagogen.... Nach der Gründung des Heimrates wurde allmählich übrigens auch das Essen wesentlich besser und hatte sogar Geschmack. 

Eines noch zum Schluss dieser Episode: Ein Erzieher, eine Erzieherin -und sei sie/er noch so nett und einfühlsam- wird niemals Papa oder Mama für ein Kind sein können oder dürfen. Doch dieses Thema ist für den nächsten Beitrag gedacht.

 

In diesem Sinne

 

Freric

 

Kommentare sind erwünscht. Ausdrücklich. Und Fragen sind immer willkommen.

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Schiffsgeschichten Teil 2

Schiffsgeschichten Teil 2

Reise, Reise…

Heute geht es um das alltägliche Leben an Bord, ein paar Regeln und etwas über Landgänge.
Dass es an Bord 24/7 etwas zum Essen gibt ist ja keine Neuheit. Jeder, der als Gast eine Seereise tut, sollte damit rechnen, dass er/sie  2-3 kg zunehmen wird. Der gesteigerte Appetit kommt vielleicht auch von frischer Seeluft, ich gehe aber davon aus, dass die Buffets, die Speisekarten und das üppige Angebot von Speisen dermaßen gefüllt sind mit allerlei Leckereien, die es der Hausfrau/mann nicht leicht machen sie nachzukochen, sprich dort gibt es ein Speisenangebot von gut bürgerlich bis elitär. Von jeder Speise an einem Abendbuffet nur zu probieren ist ein schweres Unterfangen, welches nur mit Mühe zu schaffen ist. Von der Schweinehaxe bis zum geeisten Kaviar mit klassischen Condiments (gehacktes Eigelb, gehacktes Eiweiß, Weißbrot, Creme fraiche und einem dreifach gebrannten Wodka…Zur Not geht auch Champagner) ist meistens alles vorhanden. Auch die klassische Pizza zwischen Frühstück und Mittagessen fehlt natürlich nicht. Oder zum Mitternachtsimbiss einen kleinen Burger?
Unter Deck ist meistens die Küche. Teilweise so groß wie ein Parkdeck, aufgeteilt in klassische Bereiche: Patisserie, Bäckerei (Dessert, Kuchen, Torten) kalte Küche (Vorspeisen und Salate, Dressings), Beilagenküche (Reis, Kartoffeln, Gemüse, etc), Poissonniere (Fischküche für Fisch und Meeresfrüchte aller Art), Fleischküche (Fleisch aller Art mit korrespondierenden Saucen) und nicht zu vergessen die Küche der Casserolieres (Spülküche) für alles was schmutzig ist und gereinigt werden muss.
In der Küche reden nur Köche, Stewards/dessen haben hier einfach die Klappe zu halten. Ansagen kommen nur von den Postenchefs der jeweiligen Bereiche oder der große Küchenboss oder sein Hilfssheriff. Da das Restaurant sich in der Regel über der Wasserlinie befindet ist es über Rolltreppen zu erreichen. Die Stewards schleppen also das Essen mit großen Tabletts, mit einer Hand tragend über der Schulter auf der Rolltreppe hinauf, die andere Hand sollte sich am Schiff festhalten. Motto: Eine Hand dem Gast, eine Hand dem Schiff. Hält man sich nicht an diese Regel kann es passieren, dass bei Seegang einem das große Tablett ins schwanken gerät und es runterfällt. Dies hat zur Folge, dass der Kollege hinter Dir seines auch fallen lässt. Und so weiter. Dominoday sozusagen. Unten steht dann der cholerische Küchenchef und dann…..viel Glück.

Nun, reden wir doch mal über Arbeitszeiten für einen europäischen Mitarbeiter an Bord. Dies kann sich im Laufe der Zeit geändert haben, damals verhielt es sich so: Im Heuervertrag waren zu einer bestimmten Heuerzahlung 160 Arbeitsstunden vereinbart plus 100 Überstunden, welche in der Grundheuer inkludiert waren. Alle weiteren Überstunden, die geleistet wurden sind mit 5 US Dollar zusätzlich bezahlt worden. Also 260 Stunden im Monat plus Überstunden. Jetzt möchte man meinen, dass das sehr viel ist. Geht man aber davon aus, dass man ohnehin keinen freien Tag hat, sondern 7 Tage die Woche und mindestens 6 Monate durcharbeitet, bei durchschnittlichen Arbeitszeiten von 8 bis 12 Stunden am Tag, bekommt man die Stunden sehr schnell zusammen. Die asiatischen Kollegen waren sogar 9 Monate und länger an Bord, bei weitaus geringerer Heuer. Die europäischen Mitarbeiter hatten zusätzlich noch Anspruch auf Urlaub, welcher an die aktive Zeit an Bord angehängt wurde. Damals gab es keine Sozialabgaben oder Steuerzahlungen an das deutsche Finanzamt. Die Personalfirma firmierte in auf Zypern, die Company hatte ihren Sitz in der Schweiz und wir fuhren unter Bahamasflagge und die Verträge kamen aus Irland. Da blickt selbst der Steuerfachmann selber nur noch schwer durch. Das wird sich heute nur unzureichend geändert haben. Zusätzlich zur normalen Arbeitszeit gab es Sicherheitsaufgaben auf dem Schiff. Neben den Generalalarmen für alle gab es Schulungen (Drill´s) und auch reale Jobs, die man erledigen musste. Bunkerwache zum Beispiel. Das bedeutet, wenn Schweröl gebunkert wurde, durfte auf der Bunkerseite nicht geraucht werden. Dann stand auf jedem Deck eine Person, die darauf achtete, dass sich nicht doch jemand ´ne Kippe ins Gesicht steckte. Verpasste man diesen Job und hat nicht nachgesehen ob man selber dran war und versuchte das Schiff zu verlassen um an Land zu gehen, bekam man -außer dass man nicht an Land gehen durfte – auch gleich einen Termin beim Staffkapitän und Sicherheitsoffizier, eine spoken warning (Mündliche Verwarnung mit Vortrag) und 20 US Dollar Penalty (Strafe) zugunsten der Gesellschaft zur Rettung Seebrüchiger.

Neben der ganzen Arbeiterei hatten wir die Möglichkeit in der Crewbar abzuhängen. Theke und Personal waren bestellt, so konnte sich der ein oder andere noch einen Dollar dazuverdienen. Spottbillig waren Alkohol und Zigaretten, da erstens steuerfrei und zweiten die Company uns das Zeug zum Einkaufspreis zur Verfügung stellte. Wir konnten soviel Zeug kaufen wie wir wollten. Einziges Manko war, dass wir das Zeug nicht von Bord bringen konnten. Die Einfuhrbestimmungen der Länder gaben diese nicht frei. In der Crewbar wurde nicht über Arbeit gesprochen, es wurde gelacht, gesungen, getanzt und getrunken. Jeder wurde geduzt, außer vielleicht der Kapitän, wenn der mal da war. Rang und Schulterstreifen waren egal. Offiziere waren auch da, aber ohne Uniform. Das war verpönt. Die Crewbar hatte jeden Abend geöffnet, doch Vorsicht. Zu lange in der Bar bedeutete gleichzeitig weniger Schlaf. Man musste schon abwägen zwischen schlafen oder feiern.

Fortsetzung folgt…

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